Mein Jerewaner Wohnzimmer

Jerewan, die Hauptstadt der ehemaligen Sowjetrepublik Armenien hat mittlerweile alle Kategorien an Hotels und Unterkünften zu bieten, aber wer sich auf ein ganz besonderes Konzept in Sachen Wohnen und Begegnen einlassen möchte, sollte mal in einem der Herrenhäuser einchecken…A TASTE OF LIFE in Armenia!

Als ich im Frühling auf kurzer Stippvisite in Armenien meine Freunde Lika und Bakur  in der Hauptstadt Jerewan besuchte, wollte ich unbedingt in einem der beiden Boutique-Hotels der Stadt absteigen. Die sogenannte Villa Ayghedsor liegt nicht in der zentrumsnahen Hotelarea, sondern etwas außerhalb inmitten von Wohnvierteln, aber mit einem schönen Blick über den Jerewaner Kessel. Diese Art Hotel gleicht eher einer Privatunterkunft, wo man als Freund zu Gast ist. Nichts ist standardisiert, kein Zimmer gleicht dem anderen. Es gibt keine einheitliche Ausstattung. Selbst die Schlösser an den Zimmern sind willkürlich und je nach Vorhandensein in die Türen montiert. Die Zimmer selbst sind sehr einfach gehalten und haben eher praktischen Charakter. Dafür verbreiten sie einen sehr reizvollen italienischen Charme. Zimmernamen wie Ani, Erzurum oder Kars sind sehr bewusst gewählt und erinnern den wissenden Gast, dass sich das historische Armenien einst über große Teile Ostanatoliens erstreckte. Der alte restaurierte Holzschreibtisch in meinem Zimmer verleiht mir eher das Gefühl, ein Entdecker oder Freund des Hauses zu sein als ein austauschbarer Tourist. Auch wenn Lobby oder Esszimmer etwas einer Rumpelkammer gleichen – hier scheint nichts dem Zufall überlassen zu sein. Alle Anordnungen von Exponaten des Besitzers sind bewusst so platziert, dass sich eine Geschichte entspinnt.

Und es ist tatsächlich so, dass diese Villa einst Wohnstätte eines Künstlers war, die sich nach und nach zu einem genialen Konzept entwickelte. Parallelen zum Museum des „Kinorebellen“ Sergei Paradschanow sind unbedingt festzustellen. Zuerst kamen Freunde und Bekannte, denen das Haus während der Abwesenheiten des Hausherrn überlassen wurde. Später kamen die Freunde der Freunde und so nahm die Entwicklung zu einem ganz besonderen Boutique-Hotel in der Jerewaner Hotellandschaft seinen Lauf.

Beim Frühstück wird man nicht an seinen eigenen Tisch platziert oder kann sich selbst seine Ecke suchen. Nein, die Gäste speisen zusammen an großen arrangierten Rundtischen. Ich, der ich selbst immer Scheu habe vor morgendlichem Palaver und dem „How are you today?“, empfand es hier als sehr angenehm. Die Speisen werden direkt auf diesem Tisch aufgetragen und entsprechend herumgereicht. Ist die Kaffeekanne dann gerade bei dir leer, geht man in die Küche nebenan und nimmt sich quasi selbst – fast wie zu Hause. Meine italienischen Tischnachbarn waren sehr angenehme Zeitgenossen und siehe da, ich war es, der völlig überraschend eine kleine Konversation begann. Man redet hier nicht um zu reden oder um mit aufgesetzter Intelligenz zu verblüffen, sondern um konkret etwas wissen bzw. sagen zu wollen. Scheinbar wird das hier bestens verstanden. Man ist vor allem damit beschäftigt, von all den frischen, hausgemachten Köstlichkeiten zu probieren. Das aufmerksame, und manchmal vom Reisegast kaum zu unterscheidende Personal trägt zu einer sehr familiären Grundatmosphäre bei. Schade, dass ich dieses Mal nur wenig Zeit hatte.

Weitere Hotels in gleichem Konzept dieses Besitzers sind die Villa Delenda, ebenfalls in Jerewan sowie die Villa Kars in der Stadt Gjumri. Für einen abwechslungsreichen und authentischen Eindruck traditioneller armenischer Wohnkultur kann man hier ruhig mal einbuchen.

Euer Stefan Hilger

www.villaayghedzor.com

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