Mobile des Ostens

Jeder kennt die kultigen Ostmobile: Lada (Schiguli), Moskwitsch, Wolga oder UAZ – wer schon einmal im ehemaligen Ostblock unterwegs war, wird den kultigen Vehikeln wenigstens begegnet – vielleicht sogar mitgefahren sein. Wieder andere kennen viele Modelle noch aus der Kindheit. Bei uns sind sie fast alle von den Straßen verschwunden. Bei jeder Reise, die ich in Richtung Osten unternehme, bete ich insgeheim, dass diese Kultfahrzeuge weiterhin durch die Prärie knattern – für mich gehört das zum allgemeinen Bild und guten Ton vieler meiner Lieblingsländer.

Sehnsucht nach dem Stern

Im Osten Europas und in den ehemaligen GUS Staaten sind für viele Leute, vor allem junge Männer, Westfabrikate wie BMW oder Mercedes Statussymbole geworden. Es wird sich teilweise massiv verschuldet und das nur für den Stern aus Sindelfingen. Vor allem die großen deutschen Marken sind äußerst begehrt. Wenn man sich als Deutscher zu erkennen gibt, hat man immer eine erste Gesprächsgrundlage und den Respekt des Lenkers. Deutsche Autos, deutsche Freunde – das passt. Aber, was die sich nicht vorstellen können und immer abwinken, ist der Moment, wenn ich euphorisch werde, wenn ein alter verrosteter Saporosch dahinpoltert. Oder ein Moskwitsch-Kombi völlig überladen die Straße entlang faucht. Das sind für mich stimmungsvolle Momente und ich freue mich immer wieder, wenn es viele davon gibt. Natürlich belächeln mich die Einheimischen, wenn ich die alten Kisten auch noch fotografiere. Daumen hoch für den Fahrer – breites Grinsen bei mir. Ich bin dann froh, dass alles noch so ist, wie es sein soll. Was anderes kann ich mir gar nicht vorstellen für diese meine Lieblingsländer. Sehr froh stimmt mich beispielsweise, dass sich der Niva auch bei uns großer Beliebtheit erfreut.

Zwei Begebenheiten mit Ostmobilen & Kultfahrzeugen und ihren faszinierenden Fahrern

Sergej und sein Ostmobil IFA auf Kamtschatka

In Russland kann man alle möglichen Fahrzeuge aus der alten Zeit bemerken, auf Kamtschatka, im Fernen Osten natürlich auch. Aber, dass ein IFA W50 aus der DDR-Produktion Ludwigsfeld dort seinen treuen Dienst tut, hätte ich nie erwartet. Der zum Expeditionsfahrzeug umgebaute W50 mit Kabinenaufbau brachte uns unter anderem zum Kurilensee und zu Vulkanen in die Hochtundra. Sergej, unser Fahrer, ist ein lustig verschmitzter Geselle, bekleidet mit der üblichen Flecktarnmontur. Jeden Winkel und jede Schraube seines Lastkraftwagens scheint er in- und auswendig zu kennen. Gekonnt bewegt er den W50 über die Pisten aus Asche, Schlamm und Schotter, durch ausgetrocknete Flussbetten – kurz, die Straßen auf Kamtschatka. Reparaturen und kurze Justierungen werden stets mit den so genannten Bordmitteln erledigt. Geübt schwingt er sich zur Diagnose dann unter seinen LKW. Oftmals reicht ein simples Stück Draht, der irgendwas überbrückt, festhält oder einklemmt. Einmal bei einem Unwetter auf einer Hochebene am Vulkan Goreli diente uns der W50 auch als Windschutz. Sergej sah vergnügt aus seinem Führerstand, als sich unsere Zelte im Sturme bogen. Später musste der DDR-Import auf einen Amphibienpanzer verladen werden, der uns über einen der Meeresarme am Ochotskischen Meer brachte. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt.

Armen und sein UAZ

Es war geplant, dass uns ein ortskundiger Fahrer aus Jermuk ins Hochland ganz im Osten von Armenien bringt. Abends hielten wir also ein Briefing mit dem Fahrer ab. Armen, wie so viele in Armenien, schien mit allen Wassern gewaschen und machte einen sehr selbstbewussten, aber auch sympathischen Eindruck. Er stellte uns einige Optionen zur Wahl. Er schien sich bestens auszukennen. Wir einigten uns auf die Tour zu alten Vulkanen und einem Petroglyphen-Feld. Pünktlich und noch vor Sonnenaufgang nahmen wir in seinem UAZ Platz und schon preschten wir eine steinige Piste hinauf ins Hochland. Keine 15 Minuten Fahrt und wir standen plötzlich. Der UAZ ging ständig aus. Und irgendwann auch nicht mehr an. Eins, zwei, drei und Armen hing über dem Motorraum. Etwas skeptisch, aber mit den Handgriffen des verstehenden Technikers, untersuchte er das Innenleben. Jetzt war er in seinem Element. Als hätte er auf diesen Moment hingearbeitet, gar alles inszeniert, gab er mir eine Lehrstunde in Sachen mobiler Reparatur. Er wühlte sich ein Stück Draht herbei und fummelte zwischen Lichtmaschine und Kondensatoren und was weiß ich herum. Euphorisch und triumphierend erklärte er mir, warum solch ein Fahrzeug, sein Fahrzeug, den westlichen Marken weit überlegen ist. Es war ihm ein Fest und ich war schon schwer beeindruckt, wie er das so schnell lösen konnte. Nach nur 15 Minuten hatte er, wie auch immer, den Wagen wieder zum Laufen gebracht. Einmal mehr eine wunderbare Bekanntschaft und ein höchst unterhaltsames Erlebnis.

Resümee

Während wir Westeuropäer gerade mal noch das Lämpchen am Blinker ersetzen oder die Scheibenwischergummis auswechseln können, sind diese Brüder wirklich Alleskönner. Wir fahren alle paar Monate in die Werkstatt zum Stoßdämpferwechsel, Bremsscheibentausch oder lassen uns ständig neue Reifen aufziehen. Und das bei unseren Straßen, mit unseren Autos – vollkommen absurd. Warum das Ganze?

Wir fahren einfach die falschen Marken und sind in gewissen Dingen einfach unbegabt!

Euer Stefan Hilger

Links:

Fahrt selbst mit den Kultfahrzeugen in Georgien: http://tbam.ge/ oder http://mototraveltbilisi.com/

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