Im verbotenen schwarzen Garten

Willkommen in Berg-Karabach

Nach Berg-Karabach geht es tief hinunter, und das ist schon mal die erste Überraschung, die wir auf dieser Reise erleben werden. Zuvor hat unser Fahrer Aram den Landcruiser eine halbe Ewigkeit Serpentine um Serpentine nach oben gejagt, abwechselnd links und rechts an steilen Bergen oder noch steileren Schluchten vorbei. Dann wurde die Straße eben, und als sie sich schließlich bergab neigt, rief Tareg, unser Reiseführer euphorisch: „Willkommen in Berg-Karabach!“ Das war ungewöhnlich für ihn, der sonst auffallend mit Emotionen spart; die Gründe dafür werden wir später noch erfahren.

Laut gerufen wurde schon bei der Reisevorbereitung. „Was? Nach Berg-Karabach? Ist dort nicht Krieg?“, lauteten die gängigsten Fragen an uns, dicht gefolgt von Erkundigungen, ob man dort überhaupt hin darf, beziehungsweise auch hin kommt. Krieg, so viel gleich am Anfang, gibt es in Berg-Karabach nicht mehr. Die Waffen schweigen seit 20 Jahren, abgesehen von gelegentlichen Scharmützeln an der Grenze zu Aserbaidschan – wie im vergangenen Sommer. Aber dorthin dürfen wir ohnehin nicht, denn zusammen mit dem Visum für Berg-Karabach, das wir für ein paar Euro in der Hauptstadt Stepanakert erwerben müssen, erhalten wir ein Zusatzblatt mit Stempel und Signatur: „Gültig für alle Gebiete außer der Front.“ Das ist die Waffenstillstandslinie, auf die sich Armenien und Aserbaidschan 1994 geeinigt haben und die bis heute gilt.

Berg-Karabach? Wo ist das? Was bedeutet es?

Die Region Berg-Karabach, der „bergige schwarze Garten“, wie sie wörtlich übersetzt heißt, ist eine fruchtbare Hochebene im Kleinen Kaukasus zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer. Ein Landstrich etwa doppelt so groß wie das Saarland und umgeben von bis zu 4 000 Meter hohen Bergen. Vor mehr als 20 Jahren hat sich die „Republik Artsakh“, wie sie die Armenier in Anlehnung an eines ihrer ehemaligen Königreiche nennen, für unabhängig erklärt. Heute ist sie ein international nicht anerkannter, aber mit Armenien in Wirtschafts- und Währungsunion verbundener Phantasiestaat mit gewähltem Parlament und Präsident. Völkerrechtlich liegt sie auf aserbaidschanischem Gebiet, was Besucher allenfalls an ihrem Handy merken, das sich automatisch eine weitere Stunde vor- und damit auf aserbaidschanische Zeit umstellt. Das heutige Territorium der „Republik“ umfasst den Großteil des einst überwiegend von Armeniern bewohnten autonomen Sowjet-Bezirks Berg-Karabach in Aserbaidschan sowie die von Armenien im Krieg mit dem Nachbarland bis zur Waffenstillstandslinie eroberten Gebiete. Etwa 140 000 Menschen, fast ausschließlich Armenier, leben heute noch und wieder hier, weniger als zu Sowjetzeiten. Mit der Sowjetunion hatten die Armenier nicht viel am Hut. Ihre Vorfahren wehrten sich noch bis Anfang der 1930er Jahre heftig dagegen, Teil des Stalinschen Imperiums zu werden; in den achtziger Jahren waren sie dann die ersten, die sich von Moskau loslösten.

Armenien heute

Heute zählt Armenien zu den ärmsten der einstigen Sowjetrepubliken, es hat kein Öl wie der östliche Nachbar Aserbaidschan und keine moderne Wirtschaft wie das nördlich gelegene Georgien. Als fleißig, unbeugsam, herzlich gelten die Armenier, viele jedoch haben ihr Land verlassen. Drei Millionen Menschen gibt es noch in Armenien, geschätzt doppelt so viele leben in der Diaspora, vor allem in Russland, Frankreich und den Vereinigten Staaten. Zu ihnen gehören Charles Aznavour oder Henrich Mchitarjan, der bei Borussia Dortmund spielt.
Immerhin: Jerewan, Armeniens Hauptstadt, boomt. Sie wirkt wie ein Raumschiff inmitten des gebeutelten Staates. Eine Fahrt von hier durch Südarmenien ins gut 350 Kilometer entfernte Stepanakert aber, der Hauptstadt Berg-Karabachs, dauert einen ganzen Tag. Aram fährt uns Pässe hinauf und hinunter, weicht Schaf- und Ziegenherden aus, und stets auch rechteckigen Schlaglöchern. Warum ist das armenische Schlagloch nicht rund? Die Antwort liegt einige Kilometer voraus auf der Straße: Bauarbeiter mit Presslufthämmern meißeln Schäden akkurat viereckig aus; der Trupp mit dem Bitumen aber folgt dann eine Woche, oder einen Monat oder auch erst ein halbes Jahr später.
Nicht so in Berg-Karabach! Was uns sofort auffällt: Der Lebensstandard ist deutlich höher als im „Mutterland“ Armenien. Die Straßen sind glatt und sauber, die Autos moderner, die Parks gepflegter. Auf Blumenrabatten blühen Stiefmütterchen und Petunien, in Straßencafés sitzen junge Leute, vielfach Studenten mit Handy am Ohr und Tablet auf dem Schoß, W-Lan ist hier selbstverständlicher als Festnetz.
Auf den Fußwegen und Straßen fegen Alte mit analogen Reißigbesen rund um die Uhr Staub und Laub. Sauberkeit first! Und: Es wird viel investiert, vor allem von Exil-Armeniern, die den Kampf um Berg-Karabach als patriotische Aufgabe sehen, die es mit Geld und Kontakten zu unterstützen gilt. So prangt der Name Kirk Kerkorians, der es in den Vereinigten Staaten zum Multimilliardär brachte, auf zahlreichen Bauschildern.

Unterwegs im schwarzen Garten

Armenien hat in den vergangenen hundert Jahren viel Leid erfahren; erst der Genozid an einer Million Landsleuten durch nationalistische Türken im Ersten Weltkrieg, dann der zwischen Lenin und Atatürk ausgehandelte Verlust eines Großteils seines Staatsgebiets. Fast ist man versucht, ihnen das kleine Fleckchen Berg-Karabach zu gönnen. Nur ist das völkerrechtlich abwegig, auch wenn die Einwohner der „Republik“ mit großem Interesse die Unabhängigkeitsbewegungen Schottlands, Kataloniens oder des Kosovo verfolgen.
Berg-Karabach soll wieder attraktiv werden, dafür setzen sie hier Zeichen. Manch einer spricht schon von der Kaukasischen Schweiz. Die Region gleicht ja auch einem Garten Eden, eingerahmt von den hohen, schneebedeckten Bergketten des Kleinen Kaukasus. Wir fahren über Bergstraßen, deren Steigung und Aussicht es mit jeder Alpenquerung aufnehmen können, und immer wieder wird der Blick frei für die im Licht der Sonne funkelnden Berge, für tiefgrüne Canyons, die üppige Natur und das weitgehend unberührte Terrain.
Die fruchtbare Hochebene wird freilich nur spärlich genutzt. Vereinzelt sind kleine, bestellte Felder zu sehen, dafür aber immer wieder modernste Anti-Hagel-Stationen: Beim Wiederaufbau wird gelegentlich überholt ohne einzuholen.
Frisch restauriert ist auch das Kloster Gandzasar, das nordwestlich von Stepanakert liegt. Der im 13. Jahrhundert aus rötlich schimmerndem Tuffstein errichtete Kirchen-Komplex hebt sich schon von weitem gut sichtbar auf einem Berg inmitten dunkler Wälder ab. Die Kirche ist ein typischer Kreuzbau mit rundem Turm und Kegeldach, wie sie auch zu tausenden in Armenien zu finden sind: Bauten eines frühen Christentums, das heute fester denn je im Land wurzelt. Armenien, das Land zwischen Europa und Asien, erhob das Christentum im Jahr 301 als weltweit erstes Land zur Staatreligion. Heute liegt es wie ein christlicher Vorposten inmitten islamischer Länder. Khachkars, die charakteristischen Kreuzsteine, zeugen von der christlichen Entwicklung.
Bisher kommen nur wenige tausend Ausländer im Jahr nach Berg-Karabach, Freaks die jeden Ort der Welt sehen wollen, vor allem auch ehemalige Bewohner und Armenien-Urlauber, die einen Abstecher machen. Die Regierung fördert den Tourismus, sie lässt an einem Wanderwege-Netz arbeiten und Archäologen das antike Tigranakert ausgraben, einst Hauptstadt eines legendären Armenier-Reiches, dessen größte Ausdehnung mal vom Kaspischen bis zum Mittelmeer reichte. Dem als antikes Fort neu errichteten Ausgrabungs-Museum mit gut sortiertem Souvenirshop fehlen noch Besucher. Dafür haben in den Ausstellungsräumen Schwalben Nester gebaut; sie lassen gelegentlich etwas auf die Vitrinen fallen.
Auch Tareg, unser Reiseführer, ist Armenier, und er hat in seinem Heimatland in diesem Jahr weniger zu tun als sonst. Normalerweise führt er vor allem Spanier, Deutsche, Franzosen. Sie blieben angeblich wegen des Krieges in der Ukraine weg, erklären ihm Reiseagenturen. Verstehen kann er das nicht. „Das ist doch 1 000 Kilometer von uns weg“, sagt er. „Hier ist alles ruhig.“ Nun begleitet er häufiger kleine Gruppen nach Berg-Karabach. Wer hierher will, lässt sich auch nicht von Konflikten zwischen Russland und seinen Nachbarn aufhalten.
Die meisten Hotels in Berg-Karabach haben europäischen Standard. Wir nächtigen in Schuschi, einer Stadt in den Bergen über Stepanakert. Die Zimmer in dem zum Hotel umgebauten einstigen Wohnblock sind einfach, das Restaurant, in dem Frühstück und Abendbrot serviert werden, exzellent. Wie überall, selbst an Imbissbuden unterwegs, wird auch hier stets frisch und mit saisonalen Zutaten gekocht. Blitzschnell stehen ein Salat aus Tomaten, Gurken und Schafskäse auf dem Tisch. Dann folgen eine Gemüsebrühe und als Hauptgang Kartoffeln, knuspriges Huhn und Zucchini mit viel Knoblauch und Lavasch, dem traditionellen Fladenbrot. Als wir die Köchin loben, blickt sie verlegen durch die Tür.

Ein Konflikt ohne Lichtblick

Eine Hürde für das Reisen im Südkaukasus sind allenfalls die vielen neu gezogenen Grenzen. Für Europäer ist das alles ohnehin unfassbar: Während bei uns Grenzen und Kontrollen fielen, wurden sie zwischen den Nachfolgestaaten der Sowjetunion erst aufgebaut, und das nirgendwo so martialisch und unüberwindbar wie im Südkaukasus. Zu Sowjetzeiten liefen nahezu alle Bahn- und Straßenverbindungen sowie Öl-, Gas- und Stromleitungen nach Armenien über Aserbaidschan und Berg-Karabach, Grenzen gab es keine. Seit 1994 aber ist Berg-Karabach nur noch von Südarmenien aus über eine einzige Straßenverbindung, den sogenannten Latschiner Korridor zu erreichen.
Zwar ist der Flughafen in Stepanakert neu errichtet, die Scheiben des futuristischen Terminals blitzen in der Sonne. Doch er bleibt geschlossen, solange Aserbaidschan droht, jedes dort startende oder landende Flugzeug sofort zu zerstören. Der Konflikt um die Region ist in den urbanen Zentren allgegenwärtig. In Stepanakert sind es nur die patriotischen Plakate und Fahnen, in der Außenmauer eines Klosters ist es eine Granathülse, die vor 20 Jahren steckenblieb, im Bergort Schuschi sind es nicht beräumte Ruinen, die abseits der Hauptstraßen von den Schrecken des Krieges zeugen.
Auf dem Weg zu Ausgrabungsstätte Tigranakert stehen am linken Straßenrand Schilder einer britischen Hilfsorganisation. Mit weißer Schrift auf blauem Untergrund hat sie die Gegend für minenfrei erklärt. Rechts von der Straße sind zugewachsene Schützengräben und im hohen Gras dahinrostende Panzerwracks zu sehen. Sie liegen da wie eingefroren auf der Fahrt nach Agdam, das am Horizont auszumachen ist. Die einstige Stadt liegt auf der Waffenstillstandslinie, sie ist verlassen, alle Häuser sind bis auf die Grundmauern zerstört. Aus der Ferne erkennen wir die Minarette einer Moschee und ein hohes Fabrikgebäude. Dort wurde Brot gebacken, erklärt uns Tareg auf Nachfrage. Er und auch Aram sind jetzt ungewöhnlich still.

Die Schuldfrage

Armenier und Aserbaidschaner beschuldigen sich gegenseitig, die 28 000-Einwohner-Stadt vor 20 Jahren dem Erdboden gleich gemacht zu haben. Wie für fast alle Schrecknisse dieses Krieges existieren auch hier eine armenische und eine aserbaidschanische Version. Die Gegensätze, die es bereits seit Jahrhunderten gibt, scheinen heute vollkommen unüberwindbar zu sein. Tareg und Aram haben selbst drei Jahre in diesem Krieg gekämpft. Sie sprechen nicht gern darüber, aber dass hier Armeniens Unabhängigkeit verteidigt wurde, davon, das sagen sie mehrfach laut, sind sie felsenfest überzeugt.
Berg-Karabach soll zu etwas Neuem, zu einem Aushängeschild auch für Armenien werden. Lediglich die Post scheint in tiefsten Sowjet-Zeiten stecken geblieben zu sein. Nicht mal Tareg hat in dem völlig verfallenen Bau, zu dem uns Einheimische in Schuschi geschickt haben, eine Post vermutet. Doch pünktlich zehn Minuten nach Beginn der offiziellen Öffnungszeit erscheint eine todschick gekleidete Dame mit Handy, das sie zwischen Ohr und Schulter klemmt, um ihre Handtasche zu öffnen. Sie zieht einen Schlüssel hervor, der tatsächlich in das große Vorhängeschloss vor der vergittern Tür passt. Zu unserer Überraschung wartet hinter dem Schalter bereits eine Angestellte. Sie darf freilich erst arbeiten, wenn die Chefin den Laden offiziell aufgeschlossen hat.
Tareg legt seine Stirn in Falten. Unsere hier abgegebenen Postkarten aber sind alle wohlbehalten angekommen. (Hinweis: verfasst wurde der Artikel vor den neuesten, heftigen Gefechten vom April 2016).

Nach Armenien und Berg-Karabach

Anreise: Austrian Airlines und Aeroflot fliegen täglich nach Jerewan. Die Flugzeit beträgt etwa 3,5 Stunden. Seit 2013 benötigen EU-Bürger kein Visum für einen Aufenthalt von bis zu sechs Monaten.
Reisezeit: Am besten von Mai bis Oktober. Das Frühjahr ist regenreich, aber die Natur üppig, der Sommer im Tal heiß, aber in den Bergen angenehm. Im Herbst herrscht meist stabiles, trockenes Wetter. Ortszeit: MEZ + 2 Stunden.
Unterkunft: In Jerewan z.B. My Hotel, kleines, sehr ruhig gelegenes Hotel im Zentrum, www.myhotelyerevan.com. In Schuschi (Berg-Karabach) z.B. Shushi-Hotel, einfache Zimmer, reichhaltiges, frisch zubereitetes Frühstück und Abendessen, www.shushi-hotel.com.
Berg-Karabach: Ein- und Ausreise sind nur von und nach Armenien möglich. Ein Visum muss in Stepanakert erworben werden und ist bei Ausreise vorzuzeigen. Das Visum wird nicht in den Pass geklebt, da Aserbaidschan jedem die Einreise verweigert, der Berg-Karabach besucht hat. Sollen beide Länder auf einer Tour bereist werden, empfiehlt sich zuerst die Reise nach Aserbaidschan. Individualreisen sind problemlos möglich, Touren auch bei deutschen Reiseveranstaltern, z. B. DIAMIR Erlebnisreisen (www.diamir.de), oder direkt in Armenien, z.B. bei Nueva Vista (www.explorearmenia.net) oder Visit Armenia (www.vizarm.com) buchbar. Deutschland erkennt die Republik Berg-Karabach nicht an, das Auswärtige Amt rät von Reisen in die Region ab.

Neuerdings gibt es auch eine Tourismus Information Armenien in Deutschland.

Ein Beitrag von Stefan Locke (freier Journalist aus Dresden)

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