Flucht in die Gefangenschaft

Mit der Handelsmarine von Ägypten in die DDR

Es gibt fesselnde Geschichten, die ich für mich niederschreiben muss, um sie wenigstens in meiner Fantasie miterleben zu können. Berichte, die mich einfach nicht loslassen, die mich ständig beschäftigen, über die ich mehr erfahren will. Geschichten von Reisen, die mich so sehr beeindrucken, dass ich sie in verschiedenster Form archivieren will. Die abenteuerliche Reise von Ägypten zurück in die DDR, ist eine dieser mitreißenden Begebenheiten. Das brisante daran, es geht um meine eigene Familie. Meine Frau Nadia, eine Tochter der Abdel Fattahs war damals zu klein, um sich an jene ereignisreichen Tage zu erinnern. Ich habe mich dazu etwas näher mit meinen Schwiegereltern Raute und Fathi Abdel Fattah unterhalten.

Ägypten in den 70er Jahren

Die Agraringenieurin Raute folgte damals Ihrer Liebe nach Ägypten. Raute und Fathi haben fast ein Jahrzehnt in Ägypten gelebt, zunächst in Kairo, später dann in Port Said am Suez-Kanal. Bei der Übersiedlung nahm Raute ihre Kinder Volker, 2 Jahre, und Nadia, 3 Monate, mit nach Ägypten. Ihre Tochter Annina Kinder brachte sie während eines Heimaturlaubs in der DDR zur Welt und kehrte mit ihr zurück in ihre neue Heimat Ägypten. Die drei Geschwister verbrachten somit ihre ersten Jahre in Ägypten und lernten dort in erster Linie arabisch. Zu Hause lehrte Raute die Kinder aber auch in der deutschen Sprache.
Neben fast ausschließlich positiven Rückblenden war das direkte Miterleben des Jom-Kippur-Krieges im Oktober 1973, dem vierten arabisch-israelischen Krieg, die wohl schlimmste Zeit für Raute während ihrer ägyptischen Tage.

Politische Wende Anfang der 80er Jahre

Der ägyptische Präsident und Friedensnobelpreisträger Anwar as-Sadat setzte sich sehr für den Friedensprozess mit Israel ein und fiel einem Anschlag von Hardlinern der politischen Gegner zum Opfer. Mehr und mehr konnten sich die Moslem-Bruderschaften wieder etablieren. Vor allem außerhalb von Kairo wurde wieder mit Repressalien gegen liberale Vertreter agiert und versucht konservative Ansichten durchzusetzen. Die junge Familie war unmittelbar davon betroffen. Gegen Raute wurden offen Drohungen ausgesprochen, jeder Gang auf die Straße wurde mehr und mehr argwöhnisch beäugt. Man war als Bürger des Abendlandes nicht mehr sicher. Auch dem progressiver denkenden Fathi wurde es im Lehrstuhl der Universität zunehmend schwerer gemacht.

Rückkehr in die DDR – zur damaligen Zeit ein ungewöhnliches Szenario

Nicht nur die politische Wende in Ägypten, sondern auch die Zukunft der Kinder waren Anlass, dem Land Anfang der 80er Jahre den Rücken zu kehren. Die Chancen auf eine bessere Ausbildung für die Kinder waren in der DDR mehr gegeben als in Ägypten. In der DDR lebte die Familie von Raute und daher gab es keinen Zweifel an dem Entschluss, sich freiwillig in ein anderes Regime zu begeben.
Die Planung der Übersiedlung wurde weit im Voraus geplant. Die Kinder wurden über ein Jahr vor den Eltern in die DDR gebracht. Wie schwer muss es sein, seine Kinder ins Ungewisse bzw. für ungewisse Zeit fortzuschicken? Die drei Kinder flogen nach Berlin und verbrachten zunächst einen Sommer bei Verwandten in Neureichenwalde nahe Bad Saarow, wo die beiden Älteren sogleich begannen, die deutsche Schrift zu lernen. Das weitere Jahr ohne Eltern verbrachten die Kinder in Gotha bei den Eltern von Raute, wo Volker und Nadia in die POS Otto Grotewohl eingeschult und bei den Jungpionieren aufgenommen wurden.

Die DDR-Handelsmarine als Weg nach Draußen

Über die Botschaft, die an die Reederei in Rostock vermittelte, wurde ein Weg gefunden, das Land möglichst unauffällig zu verlassen. Eingeweiht in diesen Plan waren lediglich die Verwandten in Kairo. In der Familie gab es einen ranghohen Offizier, der bei verschiedenen Behörden nachhalf, den Plan so unauffällig wie möglich umzusetzen. Die Kontrollen im Hafen von Alexandria waren weniger umfangreich als bei einer Abreise per Flugzeug. Ihren Nachbarn und Freunden erzählten die Abdel Fattahs, in den Urlaub zu fahren. Entsprechend wenig Gepäck konnten sie mitnehmen. Fathi erinnert sich mehr oder weniger nur an Kleidung und Bücher für die Kinder. Das Hab und Gut bestand aus wenigen Kisten und Koffern. Enorm bedeutsam waren die 1.000 USD, die Fathi unbedingt durchbringen wollte. Der Erste Offizier des 10.000-Tonners war ein korrekter, aber doch gutmütiger Zeitgenosse. Er führte vor dem Einschiffen die letzten Kontrollen und Befragungen durch. Fathi versicherte ihm wortwörtlich auf Ehre und Gewissen, dass keine schweren Devisen mit an Bord gehen und es auch sonst keinerlei Probleme geben wird. Das Geld war so wichtig! Die Augen des Offiziers Augen verrieten eine Ahnung, aber er bohrte nicht weiter nach.

Alltag auf dem Schiff

Genau können sich die beiden nicht mehr erinnern, aber die Reise dauerte wohl 12-14 Tage von Alexandria bis Wismar. Hinzu hatte das Schiff Ausrüstung und Teile für ein Stahlwerk geladen, für die Rückfahrt nahm es Baumwolle und Textilprodukte auf. Beide erinnern sich, dass Sie noch etwas Zeit gewonnen hatten, denn bis zur Ankunft in der DDR gab es noch einmal 2 Wochen Aufschub. Sie wussten nicht und ahnten nur, wie man westlichen Einwanderern gegenüber eingestellt sein würde. Auf dem Schiff lief alles sehr unkompliziert. Die beiden wurden in den Kreis der Mannschaft aufgenommen und die Besatzung war außerordentlich freundlich und zuvorkommend. Die Mahlzeiten wurden gemeinsam eingenommen. Die Speisen des Schiffskochs waren aller erste Güte. Auch der Kapitän war ein vernünftiger, verantwortungsbewusster und herzlicher Mensch. Er lud des Öfteren auf die Kommandobrücke ein. Gerade Raute verbrachte in den ersten Tagen mit Seekrankheit viel Zeit auf dem Mittelpunkt des Schiffs. Sie erinnert sich an azurblaues und glasklares Meer und an entsetzlich hohe Wellen, die dem Trawler kräftig zusetzten. Portugiesische Fischerboote hingegen kamen mit den wuchtigen Wogen besser zurecht.
Tagsüber nutzten sie die Freizeitanlagen des Schiffs. Der Fitnessraum war bei Fathi hoch im Kurs. Raute schmetterte lieber Tischtennis gegen die jungen Matrosen. Es gab sogar ein Pool auf Deck, der mit Meereswasser gespeist wurde. Die Atmosphäre auf dem Schiff war wirklich wunderbar und ließ sich gut aushalten.
Als wichtige Station erinnern sie sich natürlich an die Meerenge von Gibraltar und den Austritt in den Atlantik. Einen Zwischenstopp machten sie in Antwerpen (Belgien), wo sich Raute und Fathi einen Teppich kauften, der später dann ihr erstes Bett in der neuen Wohnung in Dresden darstellte. An einen Ausstieg in den Westen haben sie nie gedacht. Auch Raute besaß die ägyptische Staatsbürgerschaft. Reisen konnten sie wohin sie wollten. Die DDR war jedoch ihre Heimat, und so wurde die Entscheidung der Rückkehr dorthin bewusst getroffen. Natürlich wurden die Kinder dann später vom ostdeutschen Staat als Pfand zurückbehalten, wenn wiedermal eine Besuchsreise bei der Familie von Fathi in Ägypten auf dem Plan stand.

Ankunft in Wismar – Willkommen in der DDR?

Zwei – drei Nächte nach Anlegen in Wismar konnten die beiden noch auf dem Schiff verbringen. Der Kapitän meinte noch, dass sie diese freie Zeit besser genießen sollten. So liefen sie in der Hafenstadt umher und kauften einige Dinge für den Neustart.
Dann kam der Barkas und der war vergittert. Als sich die Tür schloss, begann das Martyrium.
Ziel der Fahrt war das Aufnahmelager für Rückkehrer in Molkenberg bei Fürstenwalde. Der Herbst 1983 war grausam. Drei Monate lang wurden sie festgehalten und beinahe täglich verhört. Die Wiedereingliederung, die ein paar Tage dauern sollte, wurde zu einem Marathon aus Verhören und ständiger Gängelung durch die Staatssicherheit. Unverblümt wurde ausgesprochen, dass man beide als Spitzel des BND, gar der CIA ansah. Sie selbst sollten dann wenigstens selbst zu Spitzeln werden, was Fathi tief kränkte. Für Raute kam so etwas überhaupt nicht infrage. Sie existierten – leben konnte man es nicht nennen – nun erst einmal zwischen den Welten und waren nach einigen Wochen die Lagerältesten neben Libanesen, Marokkanern, Algeriern und einem Engländer, Charlie, der ein guter Freund der Familie wurde. Den französischsprachigen Afrikanern brachte Raute arabisch bei. Gestattet waren Tischtennis und Volleyball. So konnten sie dem Lagerkoller etwas entgehen. Kurz vor Weihnachten `83 kamen sie endlich frei und konnten zu ihrer Familie.

Dresden – die erste Zeit

Nach einem kurzen Aufenthalt im Arbeiterwohnheim wurde ihnen dann endlich eine 4-Raum-Wohnung im Stadtteil Prohlis zugewiesen. Die einstigen Versprechen der Behörden bezüglich Arbeitsplätze und Wohnung waren Makulatur. Hier rächte sich die fehlende Kooperation mit der Staatssicherheit. Erst nach einer Eingabe beim Staatsrat ergab sich die Wende. Fathi kehrte an die TU-Dresden zurück, Raute bekam eine Stelle am Institut für Holztechnologie.
Die Familie stand unter ständiger Bewachung durch Nachbarn. Die erste Zeit in der neuen Wohnung war eher ein hausen als wohnen. Wir hatten nichts, erinnert sich Raute. Ein winziger Klapptisch, Mülleimer als Stühle und als Nachtlager der Teppich aus Antwerpen – beinahe mehr gab es anfangs in der Wohnung nicht. Es fehlte am kleinsten Schraubenzieher. Die harten Devisen, die Fathi bis Dresden gesichert hatte, brachten aber zügig die notwendigen Dinge ein. Nachbarn und Verwandte halfen, wo sie konnten. Trotz aller Umstände und des Terrors des DDR-Staatspparates waren beide fest davon überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Der unbedingte Kampfeswillen um Freiheit, der Mut zum Risiko und die Standhaftigkeit gegen die Waffen eines Unrechtsstaates haben mich sehr beeindruckt.
Zur Familie Abdel Fattah zu gehören macht mich sehr stolz.

von Stefan Hilger

Raute Abdel Fattah hat 1997 einen autobiographischen Roman „Ägyptische Tage“ verlegt.

Unser langjähriger Freund Stefan Locke, der eigentlich schon zur Familie gehört, berichtet zusammen mit seinem Kollegen Ingolf Kern im Buch „Geteilte Geschichte“ von 25 deutsch-deutschen Orten und was daraus wurde. Die Geschichte der Abdel Fattahs findet sich ebenfalls in dieser Sammlung. Dieses Buch kann man über den Christoph Links Verlag beziehen (www.christoph-links-verlag.de).

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