Nepal – Dezembertrekking bei Königswetter

Winter in Deutschland. Die ersten wünschen sich schon im Dezember in ein Land voller Wärme und Sonne. Doch wohin, wenn man dazu noch gern in die Berge möchte? Da sagt meine Kollegin: Nach Nepal! Nepal? Himalaya im Winter – da tauchen vor meinem inneren Auge Bilder auf von Eis, Schnee und karger Landschaft. Da kann es doch nur bitterkalt sein…

Kathmandu – Himmel und Hölle

Am frühen Abend landet das Flugzeug sicher in der nepalesischen Hauptstadt. Dem Rat meiner Kollegin folgend, laufe ich zügig mit meinen bereits ausgefüllten Formularen zum Einreiseschalter. 25 USD bezahle ich für mein Visum bei lächelnden Beamten. Darauf folgt meine erste kleine Challenge, die ich selbst gewählt hatte – den Taxipreis verhandeln und den Fahrer zum Hotel leiten. Google Earth sei Dank eine lösbare Aufgabe. Die Fahrt mit den nicht sehr vertrauenswürdigen Klapperkisten in der zweiten und dritten Reihe kostet auch nur 700 nepalesische Rupies (NPR) anstatt 1000. (Kurs: 1 € = 110 NPR, Stand April 2017). Wir fahren auf Huckelpisten durch die engen Gassen des touristischen Stadtviertels Thamel. Fußwege gibt es keine und in Nepal gilt auch noch Linksverkehr. Es empfängt mich ein exotischer Geruchscocktail von Abgasen, Verbranntem und Duftstäbchen. Eine Reizüberflutung für die europäische Nase. Im Hotel erwartet mich bereits meine Kollegin. Wir verteilen unsere Ausrüstung für die bevorstehende 10-tägige Wanderung auf dem Mohare- und Mardi-Trek im Annapurna-Gebiet.

Der Sonne entgegen

Zwei Tage benötigen wir, um von Kathmandu zum Ausgangspunkt unserer Wanderung zu gelangen. Mit dem Überlandbus fahren wir zunächst 200 km gen Westen, was in Nepal zwischen 6 und 8 Stunden dauern kann. Nach einer Übernachtung in Pokhara am Phewa-See geht es weiter mit dem Bus Richtung Nordwesten bis ins 100 Kilometer entfernte Beni. Mit Hilfe eines Taxis legen wir die letzten 5 Kilometer bis nach Galeshwar zurück. Endlich können wir unsere Rucksäcke schultern und die erste Etappe in Angriff nehmen. Es ist früher Nachmittag. Die Sonne scheint kräftig und die Temperaturen sind bei milden 22 Grad. Unglaublich aber wahr – tagsüber herrscht T-Shirt-Wetter im Dezember in Nepal bis in Höhenlagen von etwa 2.500 Meter. Dazu kommen noch glasklare Sichtverhältnisse. Dies sind traumhafte Bedingungen, um die folgenden Tage die uns umgebende Wanderkulisse von Respekt einflößenden Bergriesen wie zum Beispiel Dhaulagiri (8.167 m), Nilgiri (6.839 m), Annapurna (8.091 m) und Machhapuchare (6.997 m) zu genießen. So sonnig und warm es tagsüber ist, so kalt wird es nach Sonnenuntergang gegen 17:30 Uhr. Doch mit Thermosachen und einem Daunenschlafsack bleibt es trotz der Kälte noch angenehm. Dafür genießt man ab 3000 Meter Höhe einen Sternenhimmel, der organisch wirkt. In den Lodges wird nach Sonnenuntergang der Ofen angefeuert und so bleibt auch noch Raum für Geselligkeit.

Was haben Free Wi-Fi und Pflaumenmus gemeinsam?

Bereits am zweiten Wandertag stellen wir fest, dass wir uns in einem Gebiet mit einer unerwartet gut entwickelten Infrastruktur bewegen. Wir glauben unseren Augen kaum, als wir gegen Mittag in einem Bergdorf eine sogenannte „Dining Hall“ erreichen. Es handelt sich dabei um einen von der Gemeinschaft betriebenen Speisesaal für Wanderer. Die Dorfbewohner haben sie an besonders schönen Plätzen errichtet. Neben einem großen Raum mit Tischen und Stühlen gibt es Toiletten und Waschgelegenheiten. Die Speisekarte ist klein aber fein und vor allem werden alle Gerichte frisch gekocht. Manche Kommunen leisten sich dafür einen eigenen Koch. Dort wo weniger Geld in der Gemeinschaftskasse ist, teilen sich Familien in eine Art Dienstplan. Also heißt es für uns: zuerst das Essen auswählen und dann entspannen und die Schönheit des Ortes genießen. Das Warten auf das Essen gehört bei einer Wanderreise in Nepal dazu.
Am Nachmittag erreichen wir unser Etappenziel, das Bergdorf Nangi (2.320 m). Aus diesem Dorf stammt ein Nepali, der im Ausland studierte, zu Geld kam und später mit dem Ziel in sein Bergdorf zurückkehrte, das Leben dort wieder lebenswert zu machen. Mit privaten Mitteln finanzierte er einen flächendeckenden Internetzugang für eine Reihe von Bergdörfern. Er unterstützte den Ausbau einer Infrastruktur für Wandertouristen, um so der immer mehr verarmenden Bergbevölkerung neue Verdienstmöglichkeiten zu erschließen. In Nangi zum Beispiel gibt es eine kleine Fabrik, wo handgeschöpftes Papier hergestellt und zu verschiedenen Buch- oder Heftgrößen zusammengebunden wird. Die Frauen des Dorfes erschaffen mit fantasievollen Mustern und knalligen Farben wunderschöne Handarbeiten wie Mützen, Schals oder auch Stofftaschen. Wieder andere haben sich auf die Produktion von leckerem Mus aus den wilden Gebirgspflaumen spezialisiert. Der Erlös aus den Verkäufen geht in die Gemeinschaftskasse. Damit werden die Schulbildung, die medizinische Versorgung und eine Art Rente für die älteren Mitglieder der Gemeinde finanziert. Wir begreifen hier: Tradition und Moderne müssen sich nicht ausschließen…

Zwei Frauen und fünf nepalesische Guides

Nein, wir sind nicht „überbetreut“. Wir laufen ein neues Routing ab. Da die Guides in der Nebensaison gerade sehr wenig zu tun haben, ergreifen Sanju, Mingmar, Nima, Tara und Lakubir die Gelegenheit, für sich selbst noch unbekannte Wege im Annapurna-Gebiet zu erschließen. Auch wir packen die Gelegenheit beim Schopf und nutzen die wanderfreien Nachmittage und Abende mit ihnen, um das 1:1 einer guten Reiseleitung durchzugehen. So sitzen wir zusammen in der Lodge am warmen Ofen, trinken leckeren Ingwer-Honig-Tee – alles in allem eine entspannte und lockere Unterrichtsatmosphäre. Zum „Lieblingsfach“ der wissbegierigen jungen Männer entwickelt sich der Erste-Hilfe-Kurs. Bei diesem doch sehr ernsten Thema gibt es viele lustige Momente, vor allem dann, wenn einer der Nepalis den Kranken spielen soll. Die gemeinsamen Tage im Gebirge sind sehr intensiv. Mit der Zeit offenbaren sich bei jedem verborgene Talente. Mingmar ist das Sprachgenie, sein Deutsch verbessert sich enorm in den wenigen Tagen. Obendrein ist er auch noch ein sehr guter Koch. Oh Mingmar, dein Sherpa-Stew bleibt unvergessen! Sanju ist von allen der besonnenste und strahlt eine angenehme Ruhe aus. Tara spricht sehr gut Deutsch und hat immer einen lustigen Spruch auf den Lippen. Lakubir ist zwar körperlich der Kleinste der Gruppe, dafür aber der Stärkste. Nima verhandelt am besten.

Der Streit um Orangen und Mandarinen

Ich hatte in Nepal eine karge Landschaft erwartet. So bin ich erstaunt, als wir in Höhenlagen bis 1.500 Meter eine üppige Vegetation vorfinden. Überall leuchten die roten Weihnachtssterne, die hier zu riesigen Pflanzen heranwachsen. Wir sehen Bananenstauden, Baumtomaten und überall entdecke ich mir unbekannte Wildkräuter. Kartoffelpflanzen und Mangold wachsen auf den Terrassenfeldern der Bergdörfer. Wir erfahren, dass man in dieser Region bis zu drei Ernten im Jahr einfahren kann. So sind zum Beispiel die regenreichen und warmen Sommermonate ideal für den Reisanbau.
Zusammen mit unseren nepalesischen Guides stehen wir vor den voll behangenen Mandarinenbäumen, deren Früchte verführerisch leuchten. In Nepal wird jedoch nichts genommen, was am Wegesrand steht. Mit ein wenig Glück treffen Wanderer jedoch auf Einheimische, die gern etwas anbieten. Regelmäßig versuchen Mingmar, Tara und Co. uns davon zu überzeugen, dass es sich bei den Früchten um Orangen handelt. Es wird zum Running Gag der gemeinsamen Wanderwoche. Am Ende einigen wir uns auf die folgende Variante: Wir Europäer wissen einfach nicht, dass das, was wir als Mandarinen kennen, eigentlich Orangen sind. Im Namen der deutsch-nepalesischen Freundschaft, räumen wir die Möglichkeit eines solchen Irrtums ein und laufen kichernd weiter.
Unser Wanderweg führt uns durch Rhododendronwälder. Rhododendron wächst hier zu 3 – 4 Meter hohen Bäumen heran, oftmals behangen mit langen Flechten, als würden den Bäumen Bärte wachsen. Ab und zu erkennt man im dunklen Grün das hellgraue Fell der kletterfreudigen Languren.

Mutproben gehören zum Wandern in Nepal

Wanderstrecken in Nepal in den mittleren Höhenlagen bis etwa 4000 Meter haben 2 typische Komponenten: Viele Stufen mit unregelmäßigen Abständen und Hängebrücken, die reißende Gebirgsströme überspannen. Schwindelfreiheit und Trittsicherheit sind also wichtige Eigenschaften, die man für das Trekken in Nepal mitbringen muss. Für mich können es gar nicht genug Hängebrücken sein. Fairerweise muss ich dazu sagen, dass alle Exemplare, die wir auf unserer Route überqueren, in einwandfreiem Zustand sind. Als Wanderer nutzt man die Wege der Einheimischen. Diese wurden angelegt, um von einem Bergdorf zum anderen zu gelangen. Es fehlt jedoch eine durchgehende Markierung. Äußerst selten gibt es einen Hinweis auf das nächste Dorf oder zu einem Aussichtspunkt. Auf diesen Wegen, bzw. Pfaden werden auch heute noch von Menschen unglaubliche Lasten transportiert. Die Berghänge sind manchmal so steil und das Gelände so unwegsam, das selbst Mulis oder Esel an ihre Grenzen stoßen. So begegnen wir einem Nepali mit einem riesigen Netz voller Töpfe. Ein anderer hat einen sehr langen Holzbalken auf seinem Rücken, den er bis hinauf auf 3500 Meter Höhe balanciert. Eine weitere Berghütte entsteht gerade am Mardi Himal Highcamp. Charakteristisch ist die Verteilung der Last mittels eines breiten Stoffbandes, das vom Gegenstand auf dem Rücken um die Stirn gespannt wird. Bis zu 80 kg werden so getragen. Seit dem Tag, an dem wir diesen Männern begegneten, traute sich von uns beiden keiner mehr, sich über ihren schweren Rucksack zu beklagen…

Reden wir über’s Geld

Einige wichtige Kenngrößen:
– Zimmernutzung pro Person: 250 bis 400 Rupien
– 1 Flasche Wasser (1l): von 40 bis 100 Rupien pro Flasche
– Tasse Schwarztee: 40 bis 60 Rupien
– Tasse Ingwer- oder Zitronentee mit Honig: 55 bis 100 Rupien
– Tasse Masala: 75 bis 110 Rupien
– Tasse Kaffee (Instantkaffee): 75 bis 120 Rupien
– Frühstücksomelette: 135 bis 175 Rupien
– Haferbrei mit Milch: 240 bis 300 Rupien
– Tibetisches Brot mit Honig/Marmelade: 190 bis 240 Rupien
– Spaghetti mit Tomatensauce: 385 bis 480 Rupien
– Dal Bhat: 350 bis 550 Rupien je nach Höhe
Dal Bhat ist das Gericht mit dem Wohl besten Preis-Leistungsverhältnis, zumindest solange man die vegetarische Variante wählt. Es wir auf traditionellem Messinggeschirr serviert und besteht aus einem schönen großen Reiskegel (Reis = Bhat), Gemüsecurry, gebratenem Mangold oder Spinat und einer Art sehr scharfem Tomatenchutney. Dazu gibt es noch eine Art Kelch mit Linsensuppe (Dhal).
– Vegetarische Momo: 330 bis 450 Rupien
Hierbei handel es sich um eine weitere asiatische Spezialität: gefüllte Teigtaschen, die gedämpft oder gebraten werden.

*Für alle Preisangaben gilt: Je höher man kommt, umso teurer wird es.

Kurzer Steckbrief zur Wanderung

Anzahl Wandertage: 10
Höhenmeter: im Schnitt um die 900 Höhenmeter, max. 1.500 Höhenmeter
Wanderzeiten: die erste Etappe und eine Etappe zwischendurch sind mit 3 bis 4 Stunden bewusst kurz gewählt,
für die weiteren Etappen benötigt man zwischen 6 bis max. 8 Stunden
Wegbeschaffenheit: häufiger Wechsel von Aufstiegen und Abstiegen, viele Steinstufen, sowohl breite bequeme Wege als auch schmale Pfade, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich
Übernachtung: überwiegend Übernachtung in Lodges in Zweibettzimmern, einmal Übernachtung bei einer Gastfamilie im Bergdorf Banskharka

Fazit

Habt ihr Lust bekommen auf eine kleine Auszeit im Dezember in Nepal? Unsere Tour wurde ins Reiseprogramm des Erlebnisreiseveranstalters DIAMIR aufgenommen und wird in Gruppen mit maximal 8 Personen oder auch als Privatreise ab 2 Personen durchgeführt.

Für diejenigen, die sich gern mit einem Buch auf ihr nächstes Abenteuer in Nepal einstimmen wollen, habe ich noch zwei Empfehlungen parat:

  • „Zelte auf dem Dach der Welt“ – Die erste Frauen-Expedition in den Himalaya im Jahre 1955
  • „Tenzing Norgay: Der Tiger vom Everest“ – Die Autobiographie Sherpa Tenzings niedergeschrieben von J. R. Ullman

Eure Constanze Hauf

PS: Meine Ausrüstungsliste Nepal.

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