Per Rad von Dresden in die Mongolei 3 – Iran

Welcome to IRAN!

Dieser Satz wurde uns im letzten Monat mehrmals täglich zugerufen. Die Iraner sind herzlich und offen, sehnen sich nach Austausch und sind neugierig auf unsere Geschichten. Vor allem jedoch interessiert sie unser Blick auf ihr Land Iran. Ich muss ein wenig ausholen, um diesen Monat gebührend in Worte zu fassen…

Einreise von Azerbaijan

Nach langem Suchen finden wir in Azerbaijan doch noch den Grenzübergang. Wir reisen aus und queren den Grenzfluss. Wir stellen uns schon auf eine lange Warteschlange am iranischen Grenzposten ein. Stattdessen bekommen wir einen englischsprachigen Guide an die Hand, der mit uns den ganzen Visaprozess durchläuft. Der Mann ist sehr gut drauf, es läuft amerikanisches Fernsehen und wir sind in einer halben Stunde mit allem fertig. Das ging echt schnell und hat auch noch Spaß gemacht.

Wir betreten iranischen Boden und merken sofort: Hier ist alles anders. Die Orientierung fällt uns schwer, denn wir können die fremden Zeichen nicht lesen – nirgends vertraute lateinische Buchstaben. Nach dem Geldwechsel stellen wir fest, dass wir Millionäre geworden sind. Wir treffen zwei iranische Radtouristen, die wir noch öfter wiedersehen werden. Wir verlassen die Grenzstadt Astara und radeln Richtung Kaspisches Meer. Zu unserer Verwunderung werden wir direkt mit Bonbons aus dem fahrenden Auto beschenkt. Ein LKW-Fahrer hält an und schenkt uns ein paar Liter Cola. Was ist denn hier los, das ist doch grad der erste Tag? Die Leute hupen uns zu und rufen WELCOME TO IRAN!

Tropisches Klima im Iran!

Wir arbeiten uns von Astara Richtung Rasht am kaspischen Meer entlang und passieren endlose Reisfelder. Das Klima ist heiß und schwül, eigentlich fast zu anstrengend zum Radeln. Für mich eine der schwersten Etappen auf dieser Reise. Wir ändern unseren Rhythmus. Von früh 6 Uhr bis zur Mittagshitze versuchen wir, die meisten Kilometer hinter uns zu bringen. Die Nächte am Meer sind wunderschön, aber auch notwendig. Alles ist verschwitzt. Die Tage werden streckenweise zur Tortur, denn die Nächte bringen kaum Abkühlung und am Morgen ist es bereits brütend heiß…

Die Mücken, diese Biester, rauben uns den letzten Nerv. Einmal kochen wir abends. Gerade als die Sonne untergeht, sind wir fertig. Wir flüchten uns vor den Mücken an den Strand. Das hilft jedoch nichts und so läuft jeder von uns mit seinem Essen in alle vier Himmelsrichtungen davon. Ludwig findet sich am Ende sogar bis zu den Knien im Wasser wieder.

Glück im Unglück

Auf dem Weg nach Rasht gibt es einen Unfall. Ben, einer der Kölner, fährt in eine sich öffnende Autotür. Dies ist der größte Horror eines jeden Radfahrers und die klassische Unfallsituation bei Stadtfahrten. Zum Glück ist wiedermal nichts Schlimmeres passiert. Naja alles hat sein Gutes. Wir werden zum Mittagessen eingeladen. Eine Familie öffnet uns die Tür. Endlich mal wieder eine erfrischende Dusche. Wir verstehen uns gut, obwohl nur zwei Mitglieder der Familie Englisch sprechen. Zufällig ist auch gerade die Verwandtschaft aus Teheran da. Uns wird eine weitere Einladung ausgesprochen. Wir verbringen einen schönen Tag mit traditionellem Familienessen, beantworten viele Fragen und genießen die Klimaanlage. Wir bleiben über Nacht und starten gut ausgeruht auf unsere letzte Etappe am Kaspischen Meer. In Chalus biegen wir ab in die Berge.

Bergfahrt mit Partystimmung

Ich liebe die Berge – was für eine Fahrt! Warmer Rückenwind treibt uns mit 30 km/h den Berg hinauf. Wir radeln durch ein wunderschönes Tal, in dem auch die Iraner der Hitze entfliehen und am kühlen Fluss grillen. Auch wir entscheiden uns an einem herrlichen kleinen Rastplatz in den Fluss zu springen, zu baden und einfach mal ein wenig zu entspannen. Die Hängematte hängt perfekt und der Abend wird klasse mit viel Nudeln und großem Feuer. Wir bekommen wieder mal Melonen geschenkt.

Am nächsten Tag geht es von morgens bis abends bergauf, satte 70 Kilometer. Die Straße ist eng und man muss sich den Platz erkämpfen, wird manchmal sogar abgedrängt. In den meisten Fällen freuen sich jedoch alle über Radfahrer. Je höher wir kommen, desto euphorischer werden wir empfangen und regelrecht angefeuert, wie bei der Tour de France. Fünf Autofahrer hintereinander schenken mir Schokolade, Früchte, Wasser usw. Für den Rest des Tages bin ich versorgt.

Aus jedem Fahrzeug dröhnt laute Musik. Ist denn heute ein Feiertag? Wir genehmigen uns gerade eine kleine Rast, als plötzlich neben uns ein Auto hält, vier Jungs aussteigen und die Techno-Musik voll aufdrehen. Ehe wir uns versehen, sind wir aus dem Sattel und tanzen plötzlich zusammen mit vier iranischen jungen Männern bei Nebel den Berg hinauf. Ich glaube, tanzen in der Öffentlichkeit ist im Iran sogar verboten, aber das interessiert hier niemanden. [Anmerkung von Constanze: Du hast recht Joschi, eigentlich ist Tanzen in der Öffentlichkeit verboten. Doch alle machen Party on the road].

Die Weiterfahrt bergan ist wahnsinnig anstrengend. Leute halten mich an, um mich zu filmen und Selfies zu machen. Ich bezwinge den Kandovan-Pass (ca. 2.860 m) und schreie mir erst mal die Seele aus dem Leib. Die letzten Meter waren purer Wille. Die anderen drei sind hinter mir und werden am nächsten Tag den Pass erreichen.

Was nun, auf einmal ist es kalt, ich verschwitzt und die Polizei will wissen was ich da mache. Nach einem kurzen Gespräch werde ich zum Tee eingeladen, darf in der Polizeistation duschen und auch schlafen. Am nächsten Morgen treffen wir uns alle wieder, wir nehmen die Straße bergab und wollen dann die Hauptstraße Richtung Dizin verlassen.

Der Verkehr ist wieder sehr zäh und Autos sowie Abgase haben uns ganz schön zugesetzt. Bis ins Dizn Ski Resort ist es nicht weit. Dann folgt wieder ein Hammeranstieg, knapp 700 Höhenmeter auf sieben Kilometer. Die Straße ist manchmal so steil, dass man fast umfällt. Ludwig wartet schon oben, als ich ankomme. Wir essen seit Tagen Ash, eintopfartige Suppen, die überall in den Bergen serviert werden und wunderbar schmecken. Es folgt die bisher schönste Abfahrt unserer langen Fahrradreise. Wir wollen campen, verpassen dies aber leider auf den ersten 10 Kilometern. Danach beginnt gefühlt eigentlich schon der urbane Raum Teherans.

Big City Life

Angekommen bei unserer Gastfamilie in Teheran am nächsten Tag, werden wir für drei Tage eingeladen. Helia, die älteste Tochter, spricht Englisch und übersetzt die ganze Zeit. Die Wohnung ist klein, aber im Wohnzimmer ist genug Platz für alle. Die Familie freut sich riesig, dass wir gekommen sind. Gemeinsam erkunden wir Teheran, gehen Basketball spielen und lernen alle Verwandten kennen.

Teheran ist eine große Stadt. Ich wollte da eigentlich nur weg, deswegen unternehmen Ludwig und ich einen kleinen Ausflug zum Damavand (5.610 m), dem höchsten Berg Irans. Der Bus ist schnell und günstig. Wir werden nach unserem Wunsch irgendwo rausgelassen und trampen dann mit mehreren Autos durch kleine Dörfer, um weiter hoch zu kommen. Auch dort sind wir eine Attraktion und werden zum Mittagessen eingeladen. Drei Soldaten sind gerade von einem Ausflug zurückgekehrt und nehmen uns mit in ihr Haus. Dort wird Tee getrunken und danach geht es zurück nach Teheran. Leider haben wir den Berg vor lauter Wolken gar nicht sehen können, aber schon wegen der tollen Begegnungen hat sich der Tag voll gelohnt.

Als wir uns schmerzlich von der Familie verabschieden, trennen wir uns auch von Ben und Luca, die noch länger in Teheran bleiben wollen. Unser Weg führt über unendlich große Autobahnen aus der Stadt, echt anstrengend im Stadtverkehr, aber wir sind mittlerweile abgebrüht. Warnweste raus und einfach durch, wir haben immer Vorfahrt, egal wer kommt. Wir besuchen das Chomeini-Mausoleum und fahren am Flughafen Iman-Khomeini vorbei, von dem wir ein paar Wochen später abfliegen werden.

Ich glaube, ich hab‘ nen Stich

Auf unserem Weg von Teheran Richtung Süden radeln wir entlang der Wüste Dasht-e Kavir. Unsere erste Wüstennacht ist ein Highlight. Direkt an einem Salzsee campen wir mit herrlichem Blick und atemberaubendem Sternenhimmel. Am nächsten Morgen entdeckt Ludwig beim Zusammenpacken unserer Ausrüstung zwei Skorpione. Erst jetzt spürt er Schmerzen von einem Stich. Da es die ganze Nacht geregnet hat, suchten die Skorpione bestimmt Schutz in unserem Vorzelt. Zum Glück geht es Ludwig gut, nur die Zehe ist taub. Weiter geht es also, vorbei an der heiligen Stadt Qom mit Tagesziel Kashan.

Es wird ein harter Tag, bei Hitze, Gegenwind und Autobahnverkehr. Aber am Ende haben wir 150 Kilometer geschafft. Ein iranischer Radfahrer, den wir in den Bergen getroffen haben, lädt uns ein, in seiner Textilfabrik zu schlafen. Wir haben ein Bett, eine Dusche und können die Blessuren von der Sonne versorgen. Es folgt natürlich auch wieder eine Einladung zum Essen. Gern möchten wir etwas zurückgeben, aber wir merken schnell, dass es unheimlich schwer ist, einen Iraner einzuladen.

Isfahan – die Hälfte der Welt

Der nächste Tag beginnt mit einem kurzen Schock: Die Polizei will uns nicht weiter auf der Autobahn fahren lassen. Wir diskutieren bis aufs Messer und am Ende sagt der Chef: Iran und Deutschland sind Freunde – macht los. Der Polizei ist eigentlich alles egal, einzig für Geschwindigkeitskontrollen bei jungen iranischen Männern entwickeln sie ein starkes Interesse. Weiter geht es nach Isfahan auf einer Todesstraße ohne Menschen, hundert Kilometer ohne Verkaufsstand. Als wir die Stadt erreichen, sind wir platt und gehen erstmals ins Hostel.

Isfahan ist die schönste Stadt im Iran – ein persisches Sprichwort spricht sogar von der „Hälfte der Welt“. Wir schlendern umher und lassen uns von vielen Plätzen, Moscheen und prachtvollen Parkanlagen inspirieren. Mal Touri sein macht schließlich auch Spaß. Nach meinem Gefühl sind wir mittlerweile zu Extremsportlern geworden, die sich bei Temperaturen weit über 40 Grad jeden Tag auf dem Asphalt quälen. Zudem wird es auch noch täglich heißer, je südlicher wir kommen. In Isfahan lernen wir drei Iranerinnen kennen, die perfekt deutsch sprechen und bald nach Deutschland zum Studium kommen werden. Wir gehen abends gemeinsam etwas trinken und tauschen uns aus, es ist echt lustig. Natürlich gibt es viele Regeln im Umgang mit Frauen im Iran, aber es ist voll locker und es wird die ganze Zeit gelacht.

Vom Radlerblues

Unser nächstes Etappenziel soll die grüne Wüstenoase Shiraz sein. Doch bis wir diese erreichen, gilt es, eine lange Durststrecke zu überbrücken. Das Asphaltband zieht sich schnurgerade gen Horizont, Gegenwind nimmt uns die Puste, kleine Tornados huschen über die Straße, der Verkehr ist lebensgefährlich. Der hintere Fahrer radelt in der Straßenmitte, um Blickkontakt mit dem Gegenverkehr zu halten und den Tempomacher vorn zu warnen. Sozusagen belgischer Kreisel für Fortgeschrittene. Das klappt leider nicht immer und oft wird es knapp, wenn die Lkw-Fahrer mit 100 km/h und nur 10 Zentimeter Abstand vorbeischießen. Panik ist aber nicht angebracht. Das wichtigste ist immer: Lenker festhalten. Mit Musik im Ohr hören wir den Verkehr nicht mehr, sondern riechen ihn nur noch. Es schallt „Born to be wild“ über den Kopfhörer und wir maximieren unsere Kräfte. Im vollen Wiegeschritt geht es immer wieder kleine Anstiege hinauf. Wenn die Mukke stimmt, ist auch die Hitze egal. Was vom Tag bleibt, sind die Salzflecken auf den Klamotten und der Sonnenbrand auf der Nase. So geben wir echt Gas und reißen jeden Tag mindestens 150 Kilometer. Die Fahrt durch diese endlos scheinende Einöde zu meistern, ist reine Kopfsache. Ewig fahren wir auf Berge zu, um dann zu merken, dass danach schon der nächste auf uns wartet.

7.000 Kilometer im Iran

Kaum zu glauben – wir erreichen Shiraz und sind nun 7.000 Kilometer durch unterschiedlichste Landschaften geradelt. Wir haben Berge bestiegen, das Meer gesehen, Flüsse durchquert und eines der beiden großen Wüstengebiete, die Dasht-e Kavir, gemeistert. Es fühlt sich toll an. Unser Visum lässt uns noch 10 Tage Zeit. Nach ausgiebigem Sightseeing in Shiraz, beschließen wir, mit unseren Rädern zu trampen.

Es geht Richtung Osten mit einem netten Trucker. Die Räder hinten drauf und los. Im nächsten großen Ort angekommen, werden wir auf der Straße angesprochen und eingeladen. Wir können Wäsche waschen und bekommen ein tolles Abendessen. Immer und immer wieder so viele freundliche Menschen, wow. Die Mutter der Familie spricht gut Englisch. Das hat sie sich selbst beigebracht, weil sie gerne mal in die USA will. Vieles, was man vorher vom Iran dachte zu wissen, ist völlig falsch und man muss in dieses Land kommen, um die Dinge richtig zu stellen. Die Menschen sind jedenfalls das wirkliche Highlight. Herzlicher geht es nicht, immer wieder gibt es Geschenke und Einladungen und vor allem Hilfe. Diese Intensität an Gastfreundschaft haben wir bisher in keinem anderen Land erlebt.

Am nächsten Tag trampen wir mit einem Laster, dann mit einem Kohletransporter und schließlich mit einem Abschlepper und radeln das letzte Stück bis nach Kerman, am Rande der Wüste Lut. Was für eine krasse Stadt! Wir hatten gar nicht damit gerechnet, dass hier so viele Leute auf den Straßen sind. Das „Las Vegas Feeling“ ist zu viel für uns nach 18 Stunden auf den Beinen. Wir schleichen noch 30 Kilometer aus der Stadt heraus und schlafen an einer Tankstelle.

Wüste Lut – der heißeste Ort der Welt

Ab in die Wüste Lut denken wir uns, das wollen wir nun auch noch machen. Es geht über ewig lange Straßen und über einen Pass. Bergauf hängen wir uns hinten an einen langsam fahrenden LKW. Später fliegen wir regelrecht bergab durch ein wahnsinnig schönes Land. 2000 Höhenmeter geht es bis in die Wüste. WHAAAAT! Wie geil war diese Abfahrt und nun ist es echt heiß, anders als zuvor. Wir messen schon 48 Grad, dann wird es noch viel heißer, wir sehen ein paar Iraner die in einem Wasserkanal baden, das ist was für uns und zack geht’s ins Wasser, den Kanal runter wie eine Rutsche.

In Shahdad gehen wir Mittagessen und buchen eine 6-stündige Jeeptour ins Herz der Wüste. Was für ein Abenteuer der Tag, die Tour ist super. Vater und Sohn wechseln sich beim Fahren ab und wir lernen die Wüste mit vielen interessanten Erklärungen kennen. Bizarre Formen und viel Sand warten auf uns, danach ein 3 Kilometer langer Marsch durch Ödland über einen vertrocknenden Salzfluss, echt beeindruckend. Heute waren hier 56 Grad oder mehr. Für uns ok, bei Klimaanlage im Auto, ein echter Luxus.

Abends überlegen wir, ob wir in einer Herberge pennen, weil wir kaputt sind vom Tag. Als wir die Preisverhandlungen beginnen, wackelt plötzlich die Erde. Alle sofort raus, schreit der Herbergsvater, das ist ein Erdbeben. Naja der Strom ist aus und wir wollen nicht vom Dach erschlagen werden. So fahren wir raus aus der Stadt und schlafen am Wasserkanal, nur 3 Meter von der Straße entfernt im Freien ohne Zelt.

Früh um 6 Uhr weckt uns die Hitze. Wir starten bei 35 Grad in den Tag und springen gleich nochmal ins Kanalwasser. Wir trampen den Berg hoch zurück nach Kerman, sehen uns kurz in der Stadt um und weiter geht es dann mit verschiedenen Autos und LKWs. Manchmal allein aber meist zu zweit. Es ist schon ein cooles Gefühl, wenn du allein trampst und plötzlich ein Laster anhält, die Tür aufgeht, dein Reisegefährte zu dir rausschaut und voller Stolz sagt: Ich hab was für uns gefunden.

Da ist noch Licht in der Hütte

Yazd ist wieder eine tolle Stadt, wir wollen aber weiter und fahren raus, wollen noch vor der Autobahn campen und kommen an eine Müllhalde. Wir werden von einem alten Mann gerufen, ein Schreiner, der uns einlädt auf seinem Dach zu schlafen, natürlich mit Blick über die Stadt. Das ist endgeil und wir sind so dankbar.

Viel Schlaf gibt es schon lange nicht mehr, Mücken, Sonne am Morgen und auch Rastlosigkeit verkürzen den Schlaf. Wir sind nun aber stahlhart, kennen unseren Körper und die Belastung gut. Im Gegensatz zu anderen radeln wir echt viel, auch noch beim Trampen.

Nach Yazd fahren wir nach Kashan, ich habe kurz davor einen Reifenplatzer und ne Acht. Mist, zum Glück kennen wir jemanden in der Stadt, ein Laster fährt uns bis vor den vorgeschlagenen Radladen und die Reparatur dauert nur eine Stunde. Mohamed ist happy uns wieder zu sehen, haben wir doch auf der Hinfahrt schon bei ihm geschlafen.

Heute noch in die Wüste war der Plan, wir greifen an und radeln in die Marajab Wüste. Die Straße endlos, kiesig, Schotter, echt hart zu fahren, es sind wieder über 50 Grad und langsam aber sicher verwandelt sich die Straße in Sand. Beladen mit dem schweren Gepäck ist kaum noch durchzukommen. Ich trinke auf 10 Kilometer 1,5 Liter Wasser und merke jetzt schon, dass wir zu wenig mitgenommen haben. Dabei führen wir 20 Liter mit uns. Das Rad ist echt schwer und schieben ist echt Scheiße.

Wir kehren daher um und fahren zurück zu einer kleinen Hütte, mit dem Gedanken, dort noch eine letzte Wüstennacht zu verbringen, was noch passieren wird – wieder mal typisch Iran. Wir kochen Nudeln, als plötzlich vier Kamele vor uns stehen und uns bis an die Hütte folgen. Ludwig steigt auf eins drauf und reitet mit ihm für eine Weile. Was für ein Tag schon wieder ey, IRAN FETZT. Wir schalten das Licht in dem Unterstand an, als dann doch noch ein Auto mit einer Familie ankommt. Die staunen nicht schlecht, dass zwei Typen bei Licht bei ihnen in der Bude sitzen und auf den Kamelen reiten, die eigentlich Tourismusattraktionen sind. Egal, uns wird Tee serviert, sie freuen sich und zeigen uns dann einen tollen Schlafplatz, direkt hinter dem Haus, auf einem großen Podest mitten in der Wüste. Eine Nacht, die wir nie vergessen werden. Der Sternenhimmel hell, die Milchstraße voll zu sehen und das alles kostenlos – natürlich will die Familie kein Geld.

Und dann noch ein Unfall

Am Morgen erwartet uns noch einmal die Schotterpiste zurück bis auf die Landstraße. Kaum sind wir mal wieder für ein paar Minuten locker geradelt, als es auf einmal knallt. Ludi rudert wild mit den Armen, ich bin total sauer, dass ein LKW-Fahrer bis auf einen Meter mit Vollgas auf mich zugefahren ist und ich dann in Panik ab ins Kiesbett musste.

Doch bald schon sehe ich, dass ich nicht das einzige Opfer des rücksichtslosen Fahrers bin. Ein Mann steigt blutend aus seinem Auto und wir versorgen ihn. Die Polizei fährt vorbei und registriert den Unfall, hat aber keine Lust einzugreifen. Manchmal ist es echt irre hier, liegt aber vielleicht auch an der Hitze.

Der letzte Tag

Wir müssen noch die Räder einpacken und haben den ganzen Tag nichts zu tun. Das beunruhigt uns allerdings nicht, da man auf dieser Reise eh nie weiß, was in den nächsten zwei Stunden passiert und das ist auch gut so. Wir werden erst zum Tee eingeladen, nutzen dann die Garage eines Immobilienmaklers, um die Räder transportfertig zu machen, ein Händler bringt uns Transportpappen vorbei und der nächste lädt uns zum Mittagessen und zur Übernachtung ein.

Ich wiederhole mich gern, wenn ich sage, das die Iraner der wahre Schatz des Landes sind. Wir haben auf der Reise bestimmt hundert Melonen geschenkt bekommen, Restaurantbesuche, Eis, Tee, Früchte, Brot und eigentlich alles was wir brauchten. In Deutschland hätte das niemand gemacht, nicht in dem Ausmaß. Als Gegenleistung muss man nur sagen, wo man herkommt und sich an einem kurzen Gespräch beteiligen, ein Selfie schießen und das war es. Mehr wollen die Leute nicht. Wichtiger ist, Touristen wie uns ein unvergessliches Erlebnis zu bereiten und vor allem einen positiven Eindruck für weitere Gäste zu hinterlassen. Das gelingt in Perfektion, wir hatten nur ein „schlechtes Erlebnis“ in einem Monat. Iran ist ein sicheres und ein tolles Reiseland.

Wir verbringen den letzten Abend in Familie, feiern Geburtstag mit allen Freunden und Verwandten und am nächsten Tag werden wir noch zum Flughafen gefahren. Selbst dann schreit uns noch einer zu Welcome to IRAN!

Weiter geht es zu neuen Abenteuern

Das hat sich gelohnt. Ich freue mich zwar wieder auf ein alkoholisch gehopftes Kaltgetränk aber mehr habe ich auch nicht vermisst. Iran war ein echtes Abenteuer – kulturell, physisch und geographisch. Wir bedanken uns hiermit bei allen einzelnen Iranern für die tolle Zeit, die Gastfreundschaft und die vielen Geschenke bzw. die selbstlose Hilfe. Das geht nur im Iran, denke ich mir. Jeden einzelnen hier aufzuführen, würde zu lange dauern. Eins bleibt noch zu sagen: Politisch wollen hier alle einen Wechsel. Ich hoffe, das klappt und das Land kann sich wieder öffnen. Für mich ist es schon offen, denn die Iraner sind das gastfreundlichste Volk der Welt, Goodbye Iran.

Am Flughafen in Teheran verläuft der Check-in mit den Rädern reibungslos, da Air Astana mit Fernradlern bereits Erfahrung hat. Allein in diesem Monat Juli 2017 sollen angeblich schon mehr als 100 Radfahrer wegen fehlendem Turkmenistan-Visum mit der Airline geflogen sein. Wir haben also alles richtig gemacht und freuen uns nun auf Usbekistan.

Steckbrief Iran

  • Schwitzen, schwitzen schwitzen
  • Herrliche Berge, Wüste und Natur
  • Erdbeben
  • Heißester Ort der Welt
  • Kulturelle Weiterbildung auf Persisch
  • Unfälle mit Fahrrad und Auto, nichts passiert
  • Skorpion-Stich
  • Einladungen ohne Ende

Anmerkung von Constanze:
Falls euch beim Lesen das Reisefieber gepackt hat – Iran ist mein persönliches Steckenpferd. Schaut doch mal bei DIAMIR rein, was die zum Thema Iranreisen zu bieten haben, oder lasst Euch von mir eine spannende Individualreise zusammenstellen.

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