Rettungsaktion am Elbrus

Russland – Nordkaukasus – Baksan-Tal – Elbrus

Nach 12 Jahren Abstinenz wollte ich zusammen mit einer Gruppe von Bergsteigern aus Deutschland und Österreich mein Besteigungs-Triple am Elbrus (5642m) nach 2002 und 2005 perfekt machen. Es lief auch gut an und die Eingeh- bzw. Akklimatisationstouren wurden bei bestem Spätsommerwetter hervorragend gemeistert. Meine Gruppe war unheimlich stark. Der Wetterbericht jedoch sah für die entscheidenden Tage nichts Gutes voraus. Eine Unwetterfront setzte sich über dem Gebiet fest und brachte Sturm, Schnee und die bei Bergsteigern so gefürchteten Gewitter, die uns letztlich am Gipfeltag auf 4900m zur Aufgabe zwangen. Weitere Versuche waren von vornherein aussichtslos, der Gipfel für uns in diesem Jahr einfach nicht möglich. Nach einigen schönen Wandertouren und Ausflügen in anderen Tälern wollten wir eigentlich am 01.09. die Rückreise antreten. Doch da begann das Drama…

Zunächst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu

31.08.2017, tagsüber
Der heutige, letzte Tag im Kaukasus führte uns ins herrliche Chegem-Tal. Morgens regnete es heftig und wir waren froh, zunächst mit den Jeeps unterwegs zu sein. Das Unwetter konzentrierte sich allerdings nur auf das obere Baksantal. Weiter unten hatten wir besten Sonnenschein. Nachmittags fuhren wir auf der Straße zurück, die in ein paar Stunden so nicht mehr existieren sollte. Komischerweise schoss mir dabei kurz durch den Kopf, wie es wohl wäre wenn hier mal Hochwasser ist. Der Baksan, der von unzähligen Nebenflüssen aus Tälern gespeist wird, tost als reißender, brauner Strom zu Tale.

22 Uhr
Spät abends laufen wir eilig von unserer Abschiedsfeier zurück zum Hotel. Es gießt aus Kannen.

01.09.2017, 04:30 Uhr
Es regnet noch immer in Strömen und ich erwache davon, schau aus dem Fenster und denke mir nichts. Ich schlafe noch einmal ein.

05:30 Uhr
Aufstehen! Um 6 Uhr startet der Bustransfer zum Flughafen Mineralnye Vody. 180km, 3,5h.
Wir frühstücken noch kurz, jedoch gibt es heute keine Warmspeisen. Der Gashahn ist bereits abgedreht. Lena, unsere lokale Agentin mahnt uns zur Eile. Irgendwie sind alle ungewöhnlich nervös. Alle Örtlichen hängen am Telefon. Bruchstücken dringen durch. Es gibt irgendein Problem.

06:10 Uhr
Abfahrt mit dem Minibus und Gepäckanhänger. Es regnet noch immer. Wir passieren den Picknickplatz an den Narsanquellen. Die Straße muss hier kurzzeitig überflutet gewesen sein, denn wir durchfahren eine Schlammlache. Ortsausgang des nächsten Dorfes stehen Fahrzeuge quergestellt die Straße blockierend. Männer laufen durcheinander. Polizisten beraten sich. Wir stoppen. Oleg, unser lokaler Bergführer und ich steigen aus. Die Straße ist an einigen Stellen unterspült und bereits abgebrochen. Ich meine zunächst, dass man das umfahren kann, doch weiß ich nicht, was sich in wenigen Kilometern talabwärts offenbaren soll. Wir werden angewiesen zurückzufahren. Die Gruppe schockiert. Oleg telefoniert.

07:00 Uhr
Wir sind zurück im Hotel und platzieren uns in der Lobby. Lena hat erste Informationen, dass es einen Landrutsch gab, der große Teile der Straße zerstört haben soll. Eine Geröll-Lawine aus dem Adyl-Su-Tal kommend hat Teile der Ortschaft Elbrus zerstört. Man spricht von Toten und Vermissten.

07:30 Uhr
Ist klar, dass wir auf dem Landweg nicht zurückkommen. Wir werden unseren Flug voraussichtlich nicht schaffen. Ich informiere das Notfallteam von DIAMIR Erlebnisreisen. Flüge müssen umgebucht werden – nur auf wann?, welches Datum? Weiterhin kontaktiere ich die deutsche Botschaft in Moskau. So früh am Morgen ist noch niemand da. Ich soll später noch einmal anrufen. In Moskau liegen zu diesem Zeitpunkt noch keine Informationen vor.

08:30 Uhr
Lena meint, dass wir hier mit Verzögerungen von 2 Tagen bis 2 Wochen rechnen müssen. Es gibt jetzt schon kein Gas mehr und die Einheimischen rechnen auch mit Stromabschaltung in den nächsten Stunden. Ich solle vorsorglich einige Lebensmittel kaufen für den Notfall. Hätte ich gern gemacht, aber russische Rubel hatte ich keine mehr.

09:30 Uhr
Längeres Telefonat mit der deutschen Botschaft in Moskau. Alle Daten sind durchgegeben. Man weiß nun über uns Bescheid. Zunächst ist alles unter Kontrolle. Wir sollen uns auf die russischen Rettungskräfte verlassen, die auch in der Vergangenheit schon ähnliche Operationen vollzogen haben.  Einige Teilnehmer legen sich schlafen, einige verbleiben in der Lobby und schauen russische Nachrichten.

10:30 Uhr
Erste Bilder werden in den Nachrichten gezeigt. Die Bilder skizzieren eine verheerende Wirklichkeit. Es gibt keine Straße mehr. Es gibt keine Brücken mehr. Es gibt nur noch den braunen wilden Strom, der vor scheinbar nichts Halt macht. Hubschrauber kreisen, Militär fährt schweres Gerät auf. Gerüchte und unbestätigte Meldungen schwirren umher. Wir schauen auf die Karte und machen uns unsere Situation klar. Da wir nicht wissen, wann und wie wir hier rauskommen, lassen wir unsere Rückflüge zunächst stornieren. Ich mache mich auf, um irgendwo Geld zu tauschen. Die Geldautomaten geben nichts, die Wechselstellen sind zu (muslimischer Feiertag!) und in Geschäften und Kneipen will man mir nichts tauschen. Zum Glück wechselt mir unsere Stammkneipe wenigstens 50 EUR zu einem denkbar schlechten Kurs. Schon von weitem hört man die Felsen, die der Baksan auf dem Flussbett nach unten transportiert und Felsen auf Felsen krachen lässt.

11:30 Uhr
Hat sich auch der letzte mit der Situation abfinden müssen. Ich telefoniere mit DIAMIR. Makaber, aber wahr – die malaysische Gruppe schächtet wenige Meter von mir ein Schaf zum Feiertag. Wissen die denn nichts? Jeder hat so seine eigenen Probleme, scheint es. Eine Delegation von Offiziellen schreitet von Hotel zu Hotel und macht eine Bestandsaufnahme der Gäste.

12:00 Uhr
Wir können nichts machen, außer warten. Wir gehen essen, solange es noch Vorräte gibt.Wir denken, dass die Hubschrauber jetzt dringender bei der Suche nach Vermissten aufgehoben sind bzw. für direkt Betroffene eingesetzt würden.

12:30 Uhr
Sehe ich vom Restaurant aus Oleg mit seinem Wagen zum Hotel schießen und schreibe ihm eine sms, wo er uns findet. Keine zwei Minuten später kommt er zum Restaurant und nimmt mich mit zum Hotel. Offenbar wurde die Evakuierung bereits angeordnet. Hubschrauber sollen kommen und alle Touristen und Bedürftigen ausfliegen. Die restliche Gruppe wird sofort zum Hotel beordert und angewiesen sich sofort für einen Transfer zum Heliport bereitzuhalten.

13:00 Uhr
Treffen wir auf dem Hof der Rettungsleitstelle Terskol ein. Der МЧС (Ministerium für Notfallsituationen) sowie Polizei ist vor Ort. Und mit uns mind. 70 weitere Bergsteiger sowie einheimische Frauen mit Kindern. Es werden Listen geschrieben, die die Zahl der Auszufliegenden dokumentieren sollen. Schreibtische werden aufgebaut. Alles hat seine Ordnung. Jeder der Beteiligten hat scheinbar sinnvolle Aufgaben. Wahnsinn, wir hätten nie gedacht, dass es so schnell gehen würde.

14:00 Uhr
Werden wir aufgefordert vor einem Tor in Stellung zu gehen. Es gibt erste Rangeleien, da die ursprüngliche Reihenfolge aufgrund des Platzwechsels aufgehoben wird. Es erinnert etwas an Kriegszustände, wo jeder als erstes mitkommen will. Es wird geschoben, gedrängelt und per Ellenbogen Platz geschafft. Die Gruppenführer versuchen immer wieder bei den Administrativen ihre Listen durchzubringen. Alle werden abgewiesen. Keine bevorzugte Behandlung – es gilt die Devise: Frauen und Kinder zuerst.

14:30 Uhr
Der МЧС verteilt Wasser für die Wartenden. Auch bei mir kommt der Hunger durch. Seit dem spärlichen Frühstück hatte ich nichts im Magen. Ein Bergkamerad reicht mir zwei Müsliriegel. Es ist immer noch wolkig zugezogen, aber Hubschrauber können auf Sicht agieren. Noch ist kein Hubschrauber in Sicht. Angeblich sollen drei geschickt werden. Komische Info. Insgesamt drei oder drei auf einmal? Wieder wird gedrückt und gedrängelt. Leichte Panik macht sich breit, weil viel denken, nicht mitzukommen.

15:10 Uhr
Rotorgeräusche! Die erste MI-8 schwebt ein. Es kommen immer nur 15 Personen mit! Vor uns noch arg viele Leute. Das kann dauern. Eine Runde dauert circa 40 Minuten. Schaffen wir es noch bevor die Sicht zu schlecht, es dunkel wird? Solange das nicht klar ist, kann ich keine Neubuchung von Tickets nach Deutschland durchgeben. Alles auf des Messers Schneide. In Gedanken spiele ich verschieden Szenarien durch. Ich brauche Notlösungen.

17:05 Uhr
Sind wir endlich dran. Als es sicher ist, dass wir mitkommen, lasse ich in Deutschland für uns neue Tickets für einen Rückflug in der nächsten Nacht buchen. Die Rettungskräfte bringen nun schon erste Pakete und Paletten an Lebensmitteln mit rein. Die Rettungskette funktioniert hervorragend. Die Russen selbst, sind völlig unaufgeregt. Es läuft sehr routiniert ab. Beeindruckend.

17:10 Uhr
Sitzen bzw. hocken wir im Hubschrauber. Mit viel, viel Gepäck. Wir merken zunächst gar nicht wie der riesige Hubschrauber abhebt. Nur knapp über den Baumwipfeln und den Strommasten jagt er dann das Tal hinab. Aus den Fenstern sehen wir die Zerstörungen. Es wird tatsächlich Monate dauern bis die Straße wieder befahrbar sein wird.

17:35 Uhr
Landen wir auf einer Wiese abseits der Stadt Tyrnyaus, dem Verwaltungszentrum der Region Elbrus. Und schon schwebt der riesige Hubschrauber wieder zurück. Für uns Ausgeflogene stehen schon Busse bereit, die uns nach Mineralnye Vody chauffieren.

21:00 Uhr
Erreichen wir den Flughafen und genehmigen uns ein letztes gemeinsames Bier, bevor wir nach Mitternacht die Rückreise in unsere Heimatorte antreten.

Auch wenn nicht sonderlich erfolgreich, wird keiner von uns diese Tour jemals vergessen. In solchen Situationen rücken unsere ehrgeizigen Ziele, mit denen wir angereist sind völlig in den Hintergrund. Niemand hätte gedacht, dass wir so schnell evakuiert werden. Im Grund hatten wir nichts weiter auszustehen. Nur die Menschen im Tal bereiten uns Sorgen, die jetzt mit der Situation klarkommen müssen. Sie ziehen ein hartes Los. Der Herbst steht vor der Tür und der Winter ist nicht weit. Hoffentlich kann die Straße bald instand gesetzt werden. Einmal mehr haben die Russen bewiesen, wie schnell und zügig in Notsituationen agiert werden kann. Alle helfen mit, alle stehen zusammen. Keine Bürokratie, kein langes Nachfragen, kein Wenn und Aber – es wird einfach gemacht. Das hat uns am meisten beeindruckt.

Stefan Hilger

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