Per Rad von Dresden in die Mongolei 5 – Tadschikistan

Tadschikistan – You never cycle alone

Tadschikistan oder Tajikistan oder Dach der Welt. Einmal mit dem Fahrrad den Pamir-Highway erleben – der Traum eines jeden Fernradlers.

Die ersten Momente in einem neuen Land sind immer etwas ganz Besonderes. Von Tajikistan wird mir das riesige Werbebild vom Präsidenten in Erinnerung bleiben. Freundlich lächelnd, winkt er uns aus einem Blumenfeld zu.

Duschanbe – Nadelöhr der Fernradfahrer

Bereits am zweiten Tag im Land erreichen wir die Hauptstadt Duschanbe. Das Stadtbild ist ein Mix aus alten Sowjetbauten und sehr schicker tadschikischer Moderne. Für mich gibt es neben diesem Charme aber eigentlich nichts Besonderes hier. Viel interessanter ist das Hostel, in dem sich gleich über 30 Fahrradfahrer aus der ganzen Welt mit allen erdenklichen Reisevorhaben über Routen, Gepäck, Reparaturen und Erfahrungen austauschen.
Größtes Thema bei diesen Zusammenkünften sind immer die Visaangelegenheiten. Da liegt neben Turkmenistan, China ganz vorn. Es ist interessant was für eine homogene Gruppe die Radler bilden. Fast alle sind europäisch, etwa im selben Alter und führen oft auch einen ähnlichen Lebensstil. Erstaunlich viele Radler ernähren sich vegetarisch oder sogar vegan. Es scheint für alle eine gewisse Überschneidung zu geben, die über das „ich will raus und die Welt erkunden“ hinausgeht. So werden neue Reisegruppen gebildet, ich fahre mit Nick einem Belgier weiter. Einen Tag später starten viele andere Radler, darunter natürlich Ludwig, Nina und Johanna.

Asphalt adé

Die erste Etappe Richtung Khorog auf der Nordroute der M-41 bringt uns direkt hinter Duschanbe den Berg hinauf. Wir treffen einen Kellner mit sechs Fingern und finden nach etlichen Anstiegen und einer herrlichen Talabfahrt einen klasse Campingspot an einem Fluss. Die Tage werden nun anstrengend und entbehrungsreich. Das haben alle Radfahrer berichtet, die uns im Hostel aus der entgegengesetzten Richtung begegnet sind. Uns wurde ans Herz gelegt, einen Lebensmittelvorrat anzulegen, denn je weiter wir kommen, desto weniger wird es in den Läden zu kaufen geben. Durchfall und die Höhe sollen extrem schwer zu verdauen sein, genauso wie die wirklich schlechten Straßen. Bis zum zweiten Tag können wir davon aber nichts merken, nur die Straße wird immer schlechter. Wir campen wieder herrlich an einem unfassbar klaren Bergsee und werden am nächsten Tag vom Ersten Tadschikischen Fernsehen über unsere Reise und unseren Eindruck zum Land interviewt. Am dritten Tag ist das mit der guten Straße dann endgültig vorbei. Wir müssen durch Bäche fahren, melonengroße Steine liegen auf der Straße. Weit und breit Schotter. Der Blick hängt nur noch an der Straße, hochkonzentriert suche ich nach dem besten Weg durch die Steine. Die Angst vor einem Platten oder schlimmer noch, einer Acht ist nun mein ständiger Begleiter.
Wir kämpfen uns den ersten großen Pass hinauf. Dort treffen wir Francesca, eine englische Krankenschwester auf Radreise. Wir fahren zu dritt weiter. Mir ist schon wieder ein wenig schwindelig, es geht auf 3350 m Richtung Kalaikum. Es fällt schwer, die Symptome der Höhenkrankheit von den üblichen Strapazen im Sattel zu unterscheiden. Ein Schokoriegel bringt Sicherheit: Ich brauchte nur Zucker und Energie. Immerhin fahre ich schon seit Stunden bergauf. Oben angekommen bietet sich ein herrlicher Ausblick auf schneebedeckte Gipfel und vermintes Grün. Die Abfahrt ist herrlich schnell und gefährlich, es geht wieder auf 1000 Meter runter. Wow, das fetzt. Angekommen in Kalaikum verbringen wir die Nacht in einem üblichen Homestay, Gasthaus, mit Vollverpflegung für 10$.

Noch mal Kraft tanken in Khorog

Am nächsten Samstagmorgen besuchen wir den Cross-Border-Market Tadschikistan/Afghanistan. Für mich kaum zu fassen: Nur ein Steinwurf trennt uns von Afghanistan und dies über eine mehrere hundert Kilometer lange Strecke. Die Straße ist eng, staubig, steinig, kurvig und bergig. Viele Autos und Laster blockieren den Weg und wir schlängeln uns irgendwie entlang. Der Blick nach Afghanistan lohnt immer. Es gibt Ortschaften, Wasserfälle und sensationelle Berge zu sehen. Die Fahrt nach Khorog ist mal wieder Willenssache und wir schaffen auf Grund der Straßenverhältnisse täglich nur 60-70km. Es gibt fast keine Restaurants und nur wenige Läden mit sehr spärlicher Auswahl auf dem Weg. Das stark rationierte Essen ist für mich ein Problem, aber im Moment geht das alles noch. Die Hoffnung ist Khorog, Zentrum der GBAO-Verwaltung und Treffpunkt aller Reisenden durch den Pamir. Wir landen wieder in einem Homestay und lassen uns von einer Familie bekochen. Ich lerne unfassbar viele Radler kennen, mit all ihren fantastischen Geschichten, man das ist echt klasse. Diese Community ist so viel interessanter als das normale Backpacking, obwohl Backpacker mehr trinken 🙂

Abstecher ins Wakhan Valley

Weil Nick sehr krank ist und nichts essen kann und Francesca schon nach einem Tag mit einer Gruppe weitergefahren ist, trete ich die Reise durch das Wakhan Valley allein an.
Es ist herrlich im eigenen Tempo unterwegs zu sein. Ich hoffe es geht nichts kaputt am Rad, das wäre schlecht, denn ich befinde mich mittlerweile im absoluten Nichts. Es gibt kaum Ortschaften, die nächste größere Stadt ist immer noch Duschanbe. Das Wakhan Valley hält was es verspricht: Tolle Panoramen und authentische Begegnungen mit den Einwohnern. Auf der ersten Hälfte gibt es nun eine Asphaltstraße, weswegen ich wieder locker 100km am Tag nach Ischkaschim schaffe.
Die zweite Hälfte des Tals ist echt Bockmist. Die Straße ist von Jeeps zerpflügt. Bodenwellen so hoch und scharfkantig wie Bordsteine, Sand, viel Staub und Steine. Echt der letzte Mist diese Piste, aber ich prügel mich durch und als ich nach Yamchun komme, stehen wieder erstaunliche 100km auf meinem Tacho.

Extrakilometer mit Folgen

Von hier aus möchte ich noch am selben Tag hoch zu einer Burg und zu heißen Quellen, die auf 3300m Höhe liegen. Das Wakhan geht gemächlich von 2000m auf 3000m in Gulcha und dann auf 4300m hoch. Für die abendliche Etappe zur Burg muss ich noch 500 Höhenmeter überwinden. Was für eine Tortour, selbst ohne Gepäck am Rad! Drei Snickers halten mich über Wasser. Ich schleiche den Berg hinauf, schiebe oft und erreiche das erste Mal eine echte körperliche Grenze. Zum Glück bin ich mental steinhart und lasse mich von keinem Homestay auf dem Weg nach oben einladen. Ich erreiche den Gipfel und bin happy, geschafft und völlig fertig. Ich gehe in den heißen Quellen baden, sofort schießt jedoch mein Puls in die Höhe. Bekomme ich jetzt etwa einen Herzinfarkt? Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich in meinem Homestay ankomme, bin ich völlig von der Rolle. Außerdem will ich was Richtiges essen. Es gab an dem Tag nur Snickers, Thunfischdose und Brot. Die Suppe da macht mich nicht ganz glücklich und ich fühle mich ein wenig komisch, das muss die Höhe sein. Ich schlafe das erste Mal schlecht und am nächsten Tag bin ich froh wieder runterzukommen. Der Blick auf und von der Burg hat sich gelohnt, die erste Grenzerfahrung auch. Gutes Training auf das, was folgen soll.

Auch das Material wird müde

Während der Abfahrt fällt mir mein rechter Frontgepäckträger zweimal ab. Zum Glück ist keine Speiche gebrochen. Ich rede mir gut zu: Ruhe bewahren und reparieren. Ich fahre Richtung Gulcha und genieße den Tag so gut es geht bei der Piste. Das ist so ziemlich das härteste Radfahren bis jetzt, man kann sich einfach nicht wehren, wenn man nur durchgeschüttelt wird und flucht auf die ganze Welt. Es bringt nichts und am Ende kommt man irgendwie durch.

Ich besuche noch eine buddistische Pyramide, die Vrang Stupa und fahre so schnell wie möglich nach Gulcha. Ich will am gleichen Tag noch den krassesten Anstieg meistern. Das war physisch nach 50km Wakhan schon wieder echt übertrieben von mir, aber ich mache weiter und komme auf ein Hochplateau, auf dem es nun bis auf 4300m hoch geht. Die Straße wird noch schlechter. Sand. Schieben. Höhe. Der Körper schreit und will nicht mehr. Oben angekommen fühlt sich der Sieg über den Berg ganz winzig an, es schneit und ich merke wieder die Höhe, ich hoffe der Pamir zwingt mich nicht in die Knie.

Ich freue mich allerdings auf die Abfahrt, obwohl es schon wieder über mörderisch schlechte Pisten geht. Plötzlich öffnet sich ein weites Tal vor mir. Ich habe es geschafft. Abfahrt auf 3300m zur M-41. Asphalt. Wieder Zivilisation, denke ich mir und küsse die Straße vor Freude,  dass ich endlich wieder rollen kann. Ich gehe in der ersten Ortschaft richtig deftig und viel essen und kann das weite grüne Tal kaum fassen. Das Radfahren macht hier so einen riesigen Spaß, echt Wahnsinn. Wow Wow Wakhan ist endlich vorbei, allerdings gab es dort einige Burgen und Sehenswürdigkeiten, deswegen habe ich die Extrastrecke in Kauf genommen.

Schnee im Sommer

Ich besuche einige Jurten und ihre Bewohner, sehe auf einmal viele Tiere, grün, Flüsse umrahmt von herrlichen Bergen. Am nächsten Tag fahre ich wieder auf einen Pass über 4300m als mich ein echt fieser Regenschauer erwischt und ins Tal peitscht. Hier gibt es keinen einzigen Baum, kein Haus kein Schutz. Ich muss also weiterfahren, es ist eiskalt, auf der Höhe schneit es sogar. Ich bin klitschnass und fest davon überzeugt, bald eine Ortschaft zu erreichen. Aber man darf der Karte nie vertrauen, viele Dörfer bestehen nur aus einem bis vier unbewohnten Häusern.

Auf der Abfahrt treffe ich James und Sam, zwei Engländer die nur für den Pamir hergeflogen sind, die beiden bibbern und schlackern mit den Knien. Wir fahren zu dritt weiter und da lichtet sich auch schon das Gewitter als wir in Murghab einfahren. Dort treffe ich Francesca und die Gruppe genannt das „Pack“ wieder. Die sind zu siebt unterwegs, es ist toll Freunde wiederzutreffen und sich gegenseitig von der Fahrt zu erzählen, alles Langzeitreisende, eine tolle Crew.

Ich putze und repariere am nächsten Tag noch mein Rad und lasse alle anderen vorfahren. Ich genieße diese Stimmung hier lieber allein, das ist echter Wahnsinn und ich will mich nicht ablenken lassen. Ein dunkler Himmel bedeutet meist nichts Gutes und ich werde wieder nass und friere auf 3800m Höhe, ich will bis auf 4300m hoch fahren und am nächsten Tag den höchsten Pass über 4655m schaffen. Rechts von mir sehe ich nun auch die Chinesische Grenze. Es ist nur ein Stacheldrahtzaun. Abends treffe ich abgekämpft James und Sam wieder an einem klasse Campspot und geselle mich dazu. Der Tag war hart, es ging auf 60km minimal bergauf aber stetig und immer geradeaus. Das schlaucht, weil man den Erfolg nicht sieht und nicht merkt.

Höchster Punkt der Reise: 4.655 Meter

Am nächsten Tag steht die Königsetappe an. Viel atmen und ruhig bleiben, trinken und Snickers essen heißt die Devise. Ganz langsam schleiche ich dort hoch, komme als Erster an und bin echt baff, dass es dann heute doch so einfach war. Ich stehe auf 4.655m und will noch weiter hinauf, klettere den Berg noch auf 4.850m hoch, bis ich mich komisch fühle. Ich bin allein am Berg und denke ich sollte lieber umkehren, bevor was passiert, dort findet mich nie jemand. Da kommen James und Sam dazu. Wir klatschen ab: „good ride my friend“. Tolles Gefühl, allein geschafft, körperliche Strapazen überwunden und durchgezogen. Ziel erreicht, einfach happy.

Schlaflos in Karakul

Es geht auf einer Wakhan Schotterpiste ins Tal. Ich bin nun schon seit Tagen immer zwischen 3000m und 4000m Höhe oder höher. Ich verkrafte das gut, nur das Schlafen wird schwerer und eben das Atmen nachts. Ich fahre nach Karakul auf einer Straße nur geradeaus, 30km, das nervt, der Asphalt ist wieder gut aber naja, der See ist herrlich, das Panorama auch, aber ich bin fertig, völlig geschlaucht von der Höhe und dem wenigen Essen. Meine Reserven sind leer und ich will eine Cola, es gibt nur einen Laden in Karakul, kein Restaurant. Ich bleibe also mit den Engländern im Homestay und fahre am nächsten Morgen den finalen Anstieg Richtung Kirgistan hinauf. Es ist echt anstrengend. Ich bin körperlich am Limit, denke ich. Aber letzten Endes ist es alles nur Kopfsache und man muss eben viel Essen. Ich verbrauche viel mehr Energie und meistere auf dem Pamir-Highway echte Höchstleistungen. Auch radfahrtechnisch habe ich mich definitiv auf ein neues Level gehoben. Ich bin glücklich hier, will aber nur noch weg und wieder Zivilisation, Bäume, runter von der Höhe, und einfach wieder normal einschlafen.

Die letzten Kilometer bis zur kirgisischen Grenze

Es geht über zwei echte Hammeranstiege nochmal auf über 4300m Höhe. Ich bin richtig demotiviert. Zum Glück treffen wir die 7er-Gruppe wieder. Alles bekannte Gesichter und so radeln wir nun in einem Pulk von 10 Personen nach Kirgistan den Berg hinauf. Die Passkontrolle erfolgt wider Willen, da das Mittagessen bereits auf dem Tisch steht. Aber der Grenzer macht seinen Job, langsam aber sicher. Wir kommen ins 20km Niemandsland und essen in großer Truppe Mittag. Nun geht es nur noch bergab nach Kirgistan, tolles Tal, tolle Schotterpiste, am Ende saftiges Grün und was für ein Ausblick.

You never cycle alone in Tajikistan. Kirgistan, wir kommen.

Euer Joschi.

Per Rad von Dresden in die Mongolei – Teil 1

Per Rad von Dresden in die Mongolei – Teil 2

Per Rad von Dresden in die Mongolei – Teil 3

Per Rad von Dresden in die Mongolei – Teil 4

No Comment

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Rettungsaktion am Elbrus
Ein Sommerabend in Tiflis

MENU

Back

Share to