Ein Sommerabend in Tiflis

Es ist ein Donnerstagabend im Juli in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Ich treffe gegen halb sieben in meinem Hotel Oriental im Stadtteil Awlabari ein und werde schnell ungeduldig, als ich niemanden an der Rezeption vorfinde. Ich möchte so schnell wie möglich die Stadt erkunden. Zunächst gehe ich aber bis ins oberste Stockwerk und von dort auf die Dachterrasse. Von hier genieße ich eine tolle Aussicht und verschaffe mir schon mal einen Überblick.

Summende Kathedrale

Mein erstes Ziel erreiche ich zu Fuß in ca. 10 Minuten. Vor den Toren der auf einem Hügel gelegenen Sameba-Kathedrale herrscht reges Treiben. Ich betrete die erst 2004 fertiggestellte gigantische Anlage (kein Eintritt) und immer mehr Menschen erscheinen auf der Bildfläche. Alle sind schick angezogen und viele tragen ein Bündel in den Armen. Ich schaue genauer hin und das Schreien verrät es mir schon seit einiger Zeit: Hier werden Neugeborene präsentiert. Menschenmassen bevölkern den Platz vor der Kathedrale, auf den Stufen, in der kleinen Parkanlage – überall. Und natürlich wird fürs Familienalbum posiert.

Durch einen Seiteneingang gelange ich in die Kathedrale und habe den Eindruck, einen riesigen Bienenstock zu betreten. Ein Summen erfüllt das Gewölbe und wird nur noch von den spitzen Schreien der Babys übertönt. Ich bin gerade Zeugin des georgischen Taufrituals. Ich beobachte die Szene und stelle mir in Gedanken die Reaktion unserer übertrieben vorsichtigen deutschen Mütter vor. Der Geistliche packt das kleine nackte Menschlein, das einzig ein dickes Windelpaket schmückt. Er hält es kurz vor sich, holt groß Schwung und zieht das Baby kopfüber einmal komplett durch das mit Wasser gefüllte Taufbecken. Diese Prozedur wird dreimal wiederholt. Nach dem ersten Tauchgang verharrt der Winzling in Schockstarre, spätestens nach dem zweiten folgt dann jedoch lautstarker Protest. Ein toller Moment.

Tiflis by night

Ich erlebe auf dem Hügel der Sameba-Kathedrale noch einen sagenhaft schönen Sonnenuntergang und laufe anschließend Richtung Fluss Mtkwari (Kura). Am Ufer angekommen, staune ich nicht schlecht. Auch hier ist es sehr belebt. Der Springbrunnen präsentiert sich munter in den verschiedensten Farben und stößt seine Fontänen mal mehr oder weniger hoch in die Luft zu den Rhythmen klassischer und lateinamerikanischer Musik. Die Menschen sitzen oder tanzen mit ihren Kindern. Mein nächstes Ziel ist die Fahrt mit der Seilbahn (ca. 2 € Hin und Rück) vom Vike-Park hinauf zur Narikala-Festung. Inzwischen ist der Himmel dunkel geworden, die Stadt jedoch ist ein Lichtermeer. Oben angekommen bieten sich auch hier wunderbare Panoramablicke auf Tiflis. Hier oben gibt es eine Vielzahl von Restaurants und auch der ein oder andere Snack wird verkauft. Die Seilbahn fährt übrigens von 9 Uhr früh bis 24 Uhr. So kann man hier oben mit Freunden oder Familie einen wundervollen Abend verbringen.

Ich fahre wieder hinab und bummele noch ein bisschen am Ufer der Kura entlang. Ich laufe über die sogenannte Slipeinlage von Tiflis – die moderne Friedensbrücke für Fußgänger von dem Architekten Michele de Lucchi (2010), bevor ich mich auf den Weg zurück in mein Hotel begebe. Dort trinke ich noch gemütlich ein Glas leckeren georgischen Weißwein (Badagoni Pirosmani). Dann kommt auch schon mein Taxi zum Flughafen. Ich komme wieder – so vieles gibt es noch zu entdecken.

Eure Constanze

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