Per Rad von Dresden in die Mongolei 6 – Kirgistan

Auf der Seidenstraße

Wir kommen zu zehnt ins Land, eine große Gruppe, so macht der Einstand in eine neue Umgebung natürlich noch mehr Spaß. Sofort merke ich, dass nach Tadschikistan nun alles grün ist, es gibt viele Flüsse und lange Weiten. Wir fahren nach Sary-Tash und campen dort. Eine erste sehr kalte Nacht. Am nächsten Morgen kann ich vom Zelt direkt auf den Pik Lenin und einige andere Wahnsinnsberge schauen. Die sind alle 6 und 7000 m hoch. Der Hit!
Am nächsten Morgen tauschen wir ein wenig Geld. Uns fallen sofort die vielen wirklich guten Beschilderungen auf, die einen Touristen gut an die Hand nehmen. Nach kurzem Einkauf und Frühstück soll es nun wieder bergauf gehen. Zwei Anstiege stehen bevor, zwei Stunden sind zu klettern. Das Wetter stimmt und wir genießen diese Bergfahrt auf Asphalt, es gibt viele Serpentinen, aber in Kirgistan macht selbst das Spaß. Wir bewegen uns auf einem der ältesten Teile der Seidenstraße. Wir haben herrliche Abfahrten in kunterbunte Täler, welche vor natürlichen und sehenswerten Landschaften Richtung Gulchar nur so strotzen. Ein Bad am Fluss und dann ereilt uns leider das Radlerschicksal: massiver Gegenwind. Wir fahren den belgischen Kreisel in 5er Gruppen und machen trotz voller Kraft nur 15 km/h Spitze, der Wind bläst uns beinahe vom Sattel.
Der nächste Tag soll uns nun nach Osch bringen, ich ärgere mich total, ich hab den letzten Anstieg irgendwie nicht geplant und muss nun wieder strampeln. Es geht drei Stunden über 1000 Höhenmeter final den Berg hinauf. Mit 40 km/h preschen wir flach abfallend nach Osch hinein. Sehr anstrengend, aber wir kommen endlich an.

Osch

Im Hostel sind viele andere Radler, Langzeitreisende und Motorradfahrer. Ich will duschen und ne Pizza bestellen, endlich wieder Zivilisation denke ich mir, klasse Zimmer und viele Leute zum Quatschen. Wir erkunden Osch, den Fluss entlang führt ein Radweg in einen Vergnügungspark, dann weiter Richtung Basar, der soll der größte in Zentralasien sein. Das glaube ich gern. Ich bin dort über eine Stunde unterwegs um einmal quer drüber zu laufen. Man spürt bereits den Mix aus Chinesen, Uiguren, Kasachen, die hier neben den Kirgisen die größten Bevölkerungsgruppen bilden. Angefangen vom Essen bis zu den Gesichtern der Menschen erlaube ich mir zu sagen, dass es hier herrlich vielfältig ist. Am Abend bin ich mit einem alten Kommilitonen verabredet der gerade mit Freunden durchs Land reist. Die Welt ist klein, denke ich mir. Geplant haben wir das nicht. Wir fahren im angemieteten Truck durch die Stadt und besteigen den heiligen Berg, von dem man einen super Blick über Osch genießt. Na klar, wir rutschen auch die Fruchtbarkeitssteine herunter und freuen uns auf Nachwuchs.
Im Hostel sind wieder diese ewigen Visa Dauerthema. Von allen Seiten und Richtungen, Erfahrungen und Vorhaben wird berichtet. Ich muss mich kümmern und das hilft mir natürlich. Ich will mit Ludwig über China in die Mongolei einreisen, dafür gibt es anscheinend ein einfach zu bekommendes E-Visa. Ich beantrage alles und hoffe es klappt zu dem Zeitpunkt.

Auf geht’s nach Bischkek

Die Straße um Usbekistan herum ist in schlechtem Zustand und es gibt nicht viel zu sehen. Ich gehe in Dschalabad am Samstagmorgen auf einen Viehmarkt, sehr beeindruckend und echt spannend wie da verhandelt und gefeilscht wird. Gutes Essen gibt es auch. Besonders interessant fand ich wie hier schon Kinder ohne Sattel auf allerlei Pferden durch die Manege reiten, das kann hier anscheinend echt jeder, fast wie laufen, es ist ein Pferdeland perfekt für Nomaden. Nur der Verkehr ist ätzend. Einmal entgehe ich fast einem Unfall. Als mich eine Limousine überholt, denke ich das Auto ist nun vorbei, aber es ist natürlich um einiges länger als gedacht. Der Arsch von Fahrer brettert im 10cm-Abstand an mir vorbei, ich balanciere auf Schotter, zwischen Löchern und Asphalt – war ne gefährlich Kiste.

Ein Wiedersehen unterwegs

Kurz vor Karakol treffe ich die Dresdner Reisegruppe zufällig wieder und folge Ihnen zu einem Campspot am Stausee. Echt super, hier gibt’s tolles Essen und Bier, sächsische Mundart, viele Fragen und interessante Gespräche. Ich freue mich Richard erneut zu treffen. Der nächste Tag startet mit zwei platten Reifen. Später geht es weiter zum großen Reservoir Toktugul. Ich verlebe um den See herum ein Auf und Ab von Wetter, Straße, Moral und Kraft, es war sehr hart, aber am Ende entschädigen die Begegnungen und Erfahrungen einmal mehr die Strapazen. Die Strecke führt mich nun wieder auf´s Hochplateau um die Suusamyr-Too-Berge mit einem Anstieg von über 2000 Höhenmetern geht’s direkt rauf. Ab hier wirklich eine sehenswerte Strecke. Oben angekommen bin ich einfach nur happy und geschafft und baue mein Zelt auf. Es wird eine sehr kalte Nacht in der ich sogar Wühlmäuse unter dem Zelt habe. Der nächste Tag bringt eine Einladung in eine Jurte bei der ich mit Tee und Marmelade verköstigt werde. Ich denke mir, dass es nun nur noch ein großer Anstieg ist nach Bischkek. Übermorgen bin ich da und treffe Ludwig wieder – das setzt Kräfte frei und ich jage den Too Ashu Pass hinauf. Oben angekommen ist die Freude riesig über den Erfolg, von oben kann man alle Serpentinen sehen und das sind echte Erfolgsgefühle.

Ein dunkler Tunnel

Oben ist ein Tunnel durch den ich durch muss. Keiner hat mir gesagt was folgen soll. Ich fahre in den Tunnel, natürlich mit Warnweste und eingepackt weil es oben kalt ist auf dem Pass. Ein Mann will mich anhalten, aber ich fahre weiter. Der Tunnel wird sehr dunkel, kaum Licht, schlechte Straße mit vielen Löchern, vor mir und hinter mir Autos, auf der Gegenspur viele LKWs, alles voller Abgase und schwarzem Smog, ich kann kaum atmen und halte lange die Luft an um dann ne ganze Lunge Abgase zu inhalieren, mir ist schlecht und ich kriege keine Luft, FUCK, FUCK, FUCK! Am Ende komme ich an der anderen Seite an und bin überglücklich, das machen wohl nicht viele, sogar die Trucker bewundern meinen Mut, fahren Sie doch mit geschlossenen Fenstern weil es dort keine Lüftung und deswegen echt gefährliche Kohlenmonoxidwerte im Tunnel hat. Vor Jahren gab es sogar eine große Katastrophe mit vielen Toten, naja ich wusste nix davon und durch bin ich. Die Abfahrt danach ist bestimmt auch deswegen so unfassbar schön. Ich überhole LKWs und Autos die mich auf dem Weg nach oben schleichend überholt haben, ich bin echt schnell und es macht viel Spaß, auch wenn der Gegenverkehr volle Kanne auf meiner Spur fährt. Ab geht’s ins Tal, voller Geschwindigkeitsrausch, abends noch nen Fleischteller und ab ins Bett. Gute Nacht!

Endlich Bischkek und weiter zum Issyk-Kul

Nächster Tag nach 500m nen Platten, egal heute geht’s nach Bischkek (früher Frunse genannt). Ich fahre in die Stadt ein und freue mich. Das Hostel ist klasse – wurde gerade neu eröffnet. Ich werde nun Ludwig wiedertreffen und mit ihm weiterradeln. Das Wochenende wird klasse, volle Party, Kirgisen wissen wie man feiert. Zwei Tage bin ich in dieser Stadt unterwegs und es gibt alles, von kleinen alternativen Clubs bis hin zu edlen Diskotheken. Am Ende wollen wir aber weiter zum Issyk-Kul See um die östlichste Grenze zu Kasachstan zu passieren. Es folgen einige schöne Radtage mit herrlichen Landschaften die sich nun mehr und mehr flach und steppenartig darstellen. Es gibt viel geräucherten Fisch. Wir sehen verschiedene Quellen, einen Canyon, eine Burg und herrliche Strände auf dem Weg nach Karakol. Eingeladen werden wir von vier Schweizern. Sie spendieren uns Bier und ein Abendessen, ein herrlicher unvergesslicher Abend. Die Strecke um den See ist unfassbar schön, guter Asphalt, perfektes Badewetter.

In Richtung kasachischer Grenze

Angekommen in Karakol erreicht uns die Nachricht, dass das China Visum leider nicht klappen wird. Wir sind fertig vom Tag und der Nachricht. Wir gehen Bier trinken und am Ende des Abends haben wir einen neuen Plan, ausgebrütet über Fassbier. Die Grenze nach Kasachstan führt nach Kegen. Es geht über Felder, Hügel, Berge und durch Wälder und Täler. Uns wird offenbar, dass es Herbst ist. Die Wälder sind herrlich rot gefärbt und das Wetter wechselt oft die Stimmung. Ein letzter Pass folgt in Kirgistan. Habe zwei Platten auf dem Weg nach unten – super schlechte Straße hier. Belohnt werden wir mit dem Blick auf die Steppe und goldbraun gefärbte Graslandschaft auf der viele Pferde und Kühe grasen. Einer dieser Momente ist unbeschreiblich und man muss ihn erleben. Eine Herde Pferde kommt uns entgegengeschossen, ein Junge bestimmt nicht älter als Zehn reitet in vollem Galopp durch die Steppe treibt die Herde vor sich her. Ohne Sattel, ohne Angst, voller Galopp, es sieht so einfach aus. Das hat mich sehr beeindruckt. Wir fahren an die letzten Kilometer Richtung Grenze im Abendlicht, die Steppe glänzt und schimmert golden, das Gras weht im Wind und am Ende des langen Tals richten sich große Berge auf. Angekommen an der Grenze sagt uns der Grenzer, dass wir zu spät kommen. Erst am nächsten Tag um 8 dürfen wir rüber. Kein Problem für uns. Zelt aufgebaut, Wodka raus und Nudeln kochen, das ist doch unsere leichteste Übung mittlerweile.
Ich bin sehr traurig Kirgistan zu verlassen, dieses Land hat wirklich alles: Steppen, Berge, Flüsse, Seen, Wälder und sogar wüstenähnliche Canyons. Es scheint wie die Zusammenfassung der besten Sachen aus Usbekistan und Tadschikistan zu sein, natürlich mit vollkommen eigener Identität und Anspruch erobert zu werden. Ich kann nur empfehlen hier mal herzukommen. Es ist soweit mein Lieblingsland.

Gruß
Euer Joschi

Checkt mal: www.kirgistan.de

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