Per Rad von Dresden in die Mongolei 7 – Kasachstan

Nomadenkultur in der Moderne

An der Grenze

Wir bereisen nun unser vierzehntes Land und sind noch immer hungrig auf neue Kulturen. Unser Grenzübergang nach Kasachstan bei Kegen geht schnell und die Grenzer sind zwar sehr verschlafen um 8 in der Früh aber sehr freundlich und schenken uns erst mal Wasser – wie schön! Auf der Fahrt nach Kegen türmt sich hinter uns eine schwarze Wand auf, wir radeln was das Zeug hält und kommen direkt bei dem ersten Regenguss in Kegen an und retten uns in ein Café. Die traditionelle Nudelsuppe „Laghman“ ist ausgezeichnet! Der Tag geht im Wechsel aus Regen und Sonnenschein weiter.

Der Charyn-Canyon

Die Landschaft ist atemberaubend, hügelig und weit. Wir finden leider den Eingang zu Charyn-Canyon nicht gleich, aber das hat auch wieder sein gutes, wir schlafen im Gebirge wo das Gewitter hinter uns bleibt. Am nächsten Morgen werden wir von drei Männern zum Frühstück zu ihrer netten Oma eingeladen. Es gibt Plov und Vodka. Zudem werden viele Einweggläser geöffnet und so gibt es die herrlichsten eingekochten Speisen auf die das ganze Jahr für den Winter hingearbeitet wird. Auf dem Weg zum Charyn-Canyon treffen wir viele Touristen – Kasachen. Der Anblick des Canyons ist sagenhaft, ich war noch nie am Grand-Canyon in den USA, aber so muss das aussehen. Echt klasse, ein sehr lohnenswerter Umweg. Wir sehen tolle Steinformationen, einige große Steine scheinen sich nur noch ganz knapp auf einer Spitze zu balancieren, es ist wirklich atemberaubend. Der Weg zurück zur Asphaltstraße ist echt hart, nur schlechteste Straße mit Gegenwind, aber wir packen`s und merken, dass wir nun bald wirklich immer nur geradeaus fahren werden. Der Südosten Kasachstans ist definitiv sehr abwechslungsreich und wirklich schön. Der Rest des Landes ist dann eher flach.

Verschnaufpause in Almaty und Visasorgen

Wir schlafen eine Nacht in Shelek vor einer Schule. Als am Morgen laute Musik angeht und komisch kostümierte Figuren vor der Schule mit den Kindern tanzen, steigen wir verschlafen aus dem Zelt. Mit Ansagen und Technomusik wird hier der erste Schultag als echte Motivation gefeiert, krass und anders eben. Wir radeln an dem Tag noch nach Almaty, die Strecke so lala, aber wir kommen durch und es ist früh vor allem beschwerlich wegen der Kälte. In Almaty angekommen checken wir in ein Hostel ein und machen ein paar Tage Pause, die erste seit Bishkek und zwei Wochen Fahrt. Wir müssen uns um das Russlandvisum kümmern und merken schnell das wir das wohl einfacher in Astana bekommen, außerdem kommt für uns aus organisatorischen Gründen nur das Transitvisum in Frage, ein herber Schlag, wollten wir doch gern das kurze Stück in die Mongolei fahren, egal, das Ziel ist greifbar nahe und wir sind flexibel.

Almaty – die wahre Hauptstadt der Kasachen

Almaty ist klasse, eine Stadt eingerahmt von Bergen, hoch gelegen mit perfekten Wander- und Skigebieten in der Nähe. Eigentlich müsste hier mal eine Winterolympiade stattfinden. Hier gibt es viel Soviet-Schick, Basare und viele Parks. Wir treffen sogar Nick den Belgier wieder, mit dem ich durch Tadschikistan gefahren bin.

Die Kasachen versuchen Fußball

Natürlich trinken wir ausgiebig Bier und sehen sogar mal wieder ein UEFA Champions League-Spiel. Leider verlieren alle deutschen Mannschaften, so stehe ich ein wenig wie der Trottel da, waren doch echt alle gegen die deutschen Teams. Naja, die Abende in Almaty waren wunderbar, es gibt viele Bars und außerdem haben wir ein Fußballspiel vom FC Kairat besucht. Die Fans sind ähnlich wie bei uns im Osten, es wird gesungen ohne Ende, Polizei ist sehr präsent und fast in der Überzahl. Das Spiel war sensationell. Die European Youth League, das Pendant zur Champions League für U19er. Es gibt kohlensäurefreie Cola und es sind nur 16-Jährige im Stadion, aber auch gleichmal 1000 von den Jungspunden und 5 russische Fans aus Krasnodar. Es ist alles dabei: zwei rote Karten, sogar ein Feldspieler muss ins Tor, es geht 2:2 aus, die Stimmung hat gekocht, ich glaube das war ein tolles Erlebnis.

Horrorszenario: Zug ruckt an – man selbst im Zug – Taschen noch draußen

Wir haben zwei Zugtickets nach Astana erstanden. Wie schon vor der Reise geplant, nehmen wir diese Strecke auf Schienen hin, da ohne Sehenswürdigkeiten und ziemlich langweilig. Es geht nur geradeaus, keine Berge, keine Bäume dafür nur Gegenwind – alles richtig gemacht, denken wir. Auf dem Bahnsteig erleben wir unser buchstäblich blaues Wunder! Erst sollen wir zuerst einsteigen als der Zug einfährt, dann zuletzt. Wir warten geduldig, dann wird man uns sagen wir können nur ohne Räder einsteigen, wir diskutieren und eine Minute vor Abfahrt dürfen wir rein. Ludwig steigt mit seinem Rad ein. Ich stehe noch mit meinem Rad und 12 Gepäckstücken draußen als der Zug losrollt. Die Bahnangestellten schreien – ich schalte sofort und werfe die Taschen in den Zug. Dann schnappe ich mir mein Rad, der Zug wird immer schneller, immer noch stehen Taschen da, ich bringe mein Rad rein und der Schaffner hält mich fest… ich kann nicht mehr raus. Ein anderer Fahrgast schmeißt nochmal zwei Taschen rein und ein anderer dickerer schafft es leider nicht mehr mit zwei von meinen Taschen in der Hand.

17 Stunden Zugfahrt mit drei Birnen und zwei Flaschen Wasser

So ne Scheiße. Taschen weg, volle Hektik und die drei Bahnangestellten sehen sich fragend an was gerade passiert ist und wo nun unsere Fahrräder unterkommen. Wir blockieren das ganze Abteil. Mir ist schlecht, ich weiß nicht was alles mit im Zug ist, ich denke die Reise ist gelaufen. Fuck. Wir beruhigen uns, Ludi kümmert sich um die Bikes und ich um die fehlenden Taschen. Wir haben nen Schlafplatz gebucht, zum Glück passen die Räder aber wirklich geradeso darüber ins Gepäckfach. Ludwig muss sogar das Vorderrad ausbauen um das Teil irgendwie rein zu quetschen. Nachts fühlen wir uns wie Sardinen in einer Konserve, kaum Schlaf und es ist heiß. Zu allem Übel war in meinen Taschen unser Essen, so verbleiben wir mit drei Birnen und jeweils einer Flasche Wasser für 17 Stunden. Die Fahrt ist echt unspektakulär und es gibt nichts zu sehen außer dem ersten Schnee. Wir fahren in Astana ein und haben den Megastress beim Ausladen, aber man versichert uns, dass die zwei Taschen im nächsten Zug nachgeschickt werden. JUHU! Wir checken im Hostel ein und danach bekomme ich wirklich meine Taschen wieder, diese Bahngesellschaft ist echt der Hammer. Hier laufen die Sachen eben anders.

Astana – reich, modern und erfolgreich

Wir gehen zwei Nächte hintereinander in Astana abends in diverse Bars. Es wird viel getanzt, allerdings sehr steif und nur voll mit Wodka. Ohne Tischreservierung kommt man hier überhaupt nicht rein. Komisch, es macht trotzdem viel Spaß, aber die Leute sind ein wenig distanziert. Wir wechseln das Hostel und erleben dann echt herzliche kasachische Leute die mit uns gemeinsam die Stadt erkunden und abends einen trinken gehen. Astana ist eine Wahnsinnsstadt. Hier sieht man sehr gut was aus der Nomadenkultur ohne festen Wohnsitz wird wenn man das einfach über den Haufen wird. Die neue Hauptstadt wurde in den Norden verlegt um Gebietsansprüche der Russen vorzubeugen. Hier leben viele kasachische Russen. Vor zwanzig Jahren war hier der erste Spatenstich und dieser Vielvölkerstaat hat damit gezeigt wie man erfolgreich eine Millionenmetropole aus dem Boden stampft. Kasachstan ist reich, modern und erfolgreich, so das Bild in Astana. Im Rest des Landes haben wir das überhaupt nicht gesehen. Am Ende ist es doch das bestentwickelteste Land in Zentralasien, ohne Frage, das liegt sicher an der präsidialen One-Man-Show und dem Willen unabhängig von Russland zu sein. Hier in Astana stehen jedenfalls riesige Hochhäuser mit Glasfassaden die sich nachts in ein Meer aus bunten Farben verwandeln. Viele Shopping Center, Restaurants und Hotels machen die Stadt sehr westlich, fast schon zu nah am ideal, überspannt die Stadt den Bogen, es wirkt oft sehr künstlich, ohne Seele.

Ein bisschen Wehmut vor dem großen Finale

Wir bleiben hier eine Woche und ich bin ein wenig krank, das erste Mal auf dieser Reise, wir gehen zum Eishockey und ins Kino, machen das was wir sicherlich auch mal zu Hause wieder machen möchten, es fühlt sich gut an, eben Urlaub. Unser Transitvisum für Russland bekommen wir sofort und werden nun in den Bus einsteigen. Hoffentlich gibt es diesmal kein Problem mit den Rädern, die sind aber angemeldet, wir lernen dazu. Uns wurde hier viel geholfen, das Land ist im Wandel und für uns war es eine neue Erfahrung, schade das wir wieder weiter müssen, aber unser kurzer Russlandaufenthalt bringt uns nun näher an die Mongolei, wo wir von Ölgii nach Ulan Bator fahren werden. Einzig Schnee und Kälte kann uns nun noch stoppen, es schneit hier seit Tagen. Wir sind gespannt.

Wie geht´s weiter…
Joschi und Ludi haben es mit dem Bus über Russland nach Bajan-Ölgii geschafft. Der Herbst in der Westmongolei ist quasi zu Ende und der Winter steht vor der Tür. Am 11. Oktober schreibt mir Joschi, dass draußen -20 Grad herrschten, im Zelt -11 klirren. Im Reich der Wölfe und Schneeleoparden hört man nachts auch mal auf gewisse Geräusche. Vom ersten misslungenen Durchbruchsversuch nach Ulaanbaatar, dem schweren Sturz von Joschi und der wilden Durchquerung der Mongolei berichten wir im nächsten Teil.

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Kontraste zwischen Kaspischem Meer und Tienschan
Große Seidenstraße Teil 3

Als lokalen Ansprechpartner, der grenzübergreifend agiert und beste Connection nach China, Kasachstan, Russland und die Westmongolei hat, empfehle ich: Blue Wolf Travel aus Ölgii

Per Rad von Dresden in die Mongolei | Balkanländer & Türkei – Teil 1

Per Rad von Dresden in die Mongolei | Georgien & Aserbaidschan – Teil 2

Per Rad von Dresden in die Mongolei | Iran – Teil 3

Per Rad von Dresden in die Mongolei | Usbekistan – Teil 4

Per Rad von Dresden in die Mongolei | Tadschikistan – Teil 5

Per Rad von Dresden in die Mongolei | Kirgistan – Teil 6

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