Zu den Schneeleoparden in der Westmongolei

Lange Anreise in den Westen der Mongolei

Von Berlin fliege ich über Moskau in die Hauptstadt Ulaanbaatar (oft auch Ulan Bator). Es ist Mitte März und geradezu angenehme –12 Grad empfangen mich in den Morgenstunden nach Ankunft. Das trockene Kontinentalklima sorgt für ein spürbar angenehmes Kälteempfinden. Später, in eisigen Stürmen und knackig kalten Morgenstunden war ich froh über meine Daunenkleidung.

Wer diesen Weg in die Westmongolei wählt, sollte unbedingt einen Tag Puffer einplanen.  Beim Blick in den Himmel konnte ich mir das nicht wirklich vorstellen, warum Flugzeuge am Boden bleiben, doch zum gleichen Zeitpunkt tobte über 1000 km weiter westlich bereits ein Schneesturm, der mich warten lassen sollte. Mein Inlandsflug wurde gleich zwei Mal umgebucht.

Dass die Chance, Schneeleoparden zu sehen, in meinem kleinen Zeitfenster mehr als gering war, war vorher völlig klar. Dennoch – die ausgezeichnete Arbeit von Umweltverbänden wie NABU und WWF sowie die Errichtung strenger Schutzzonen für Schneeleoparden & Co lassen mich trotz geringer Aussicht positiv bleiben. Nach kurzer Zwischenlandung in Bajan-Ölgii erreiche ich gegen Mittag Khovd, von wo wir per Geländewagen ins Jargalant-Gebirge aufbrechen. Die Gegend ist vom Sturm frisch eingeschneit und bietet umwerfende Panoramen. (Werdet selbst Pate eines Schneeleo: Hoffen reicht nicht!)

Von Khovd in die Wildnis

Mein Team bestand aus dem immerzu fröhlichen Fahrer Mukha, der wunderbaren Köchin Alma, dem Wildnisführer und zugleich Obertonsänger Batra und meiner Agentin Banu von der lokalen Agentur, die mir ins Englische übersetzen soll. Für das Protokoll ist noch zu vermerken, dass wir uns hier eigentlich nicht mehr wirklich in der uns bekannten Mongolei befinden. Die Bevölkerung besteht zu großen Teilen aus Kasachen, gesprochen wird ebenso kasachisch. Die Verständigung ist ein schwieriges Kriterium. Ich hatte gehofft, dass wenigstens Russisch gesprochen wird. Das hätte es für mich einfacher gemacht, auch mit den einzelnen Protagonisten zu kommunizieren. Leider war ich auf das radebrechende Englisch von Banu angewiesen, was mit dem kasachischen Akzent zudem noch schwer zu verstehen war.

Jurtenlager am Schwarzen See

Beizeiten verließen wir die Hauptstraße und fuhren nur noch auf Piste zu einer einsamen Jurte am Rande des zugefrorenen „Schwarzen Sees“ Har-Us-Nuur. Wir steuerten direkt auf die vor uns liegende knapp 4000 m hohe Gebirgskette zu. In der weiten Ebene am See treffen wir auf Kamel-, Schaf- und Ziegenherden. Verstreut lagen einzelne Jurten oder wurden gerade errichtet. Unser Gastgeber, ein alter Nomade, bot uns Platz in seiner kleinen Jurte. Am Abend besprachen wir unsere anstehende Erkundungstour und der Alte gab uns noch gute Hinweise wo wir bestenfalls ansetzen sollten. Grundsätzlich ist der Zeitpunkt März hervorragend geeignet, denn in der Paarungszeit sind die Schneeleoparden (Panthera uncia) hier sagt man Irbis, manchmal zu zweit, gar in Gruppen unterwegs. Durch die Flugverschiebung fehlten mir allerdings schon zwei Tage, daher hatten wir in diesem Gebiet nur recht wenige Anläufe auf Begegnung mit dem Phantom der Berge, wie er oftmals genannt wird.

Kehlkopfgesang als Glückbringer

So fuhren wir am Morgen des Folgetages mit dem Jeep an. Der Gesang unseres Kehlkopfsängers Batra an einer heiligen Quelle sollte uns noch zusätzlich Glück für den Tag bescheren. Schon hier fanden sich erste Spuren eines mittelgroßen Exemplars im Schnee. Weiterhin sahen wir hier auch Kratzspuren an altem Gehölz. Vom heiligen Platz konnten wir noch ca. 1 km in die Schlucht hineinfahren, bevor wir dann zu Fuß weiter nach oben in das Tal vordrangen. Banu, meine Begleiterin war selbst nur mittelmäßig ausgerüstet und auch nicht besonders gut zu Fuß, sodass Batra und ich mit meiner Ausrüstung (Foto und Fernglas) allein voranschritten. Hier offenbarte sich auch plötzlich ein schwieriges Terrain, denn die Schlucht war ab da ein zugefrorener, immer breiter werdender Fluß mit mehreren steilen Stufen aus Blankeis. Wir stimmten uns mit Blicken und Zeichensprache ab.

Den Schneeleoparden auf der Spur

Es dauerte nicht lang und wir nahmen Spuren von zwei Leoparden auf – offenbar eines großen Männchens und eines etwas kleineren Begleiters. Und diese Spuren waren noch so frisch, dass die Tiere erst wenige Stunden vor uns dort entlanggeschlichen sein mussten. Es fanden sich auch zugescharrte Kothaufen und an Felsen gespritzte Duftsekrete. All diese Indizien deuteten auf ein markiertes Revier hin. Schon allein das Wissen, dass wir hier diese seltenen Raubkatzen in Schlagweite haben, war den weiten Weg allemal wert. Da wir keine Spikes dabei hatten, mussten wir uns mit Hilfe von Ästen über das spiegelglatte Eis vortasten. Im Gegensatz zu den wendigen Katzen können wir nicht so einfach über Felswände ausweichen. Es war ein zähes und beschwerliches Vorankommen. Immer wieder musste der Pfad neu gesteckt werden. Im Schatten der Felsen war es eisig, war man allerdings der gleißenden Sonne ausgesetzt wurde es auch schnell entsetzlich warm in den Daunen der Jacke.

Sichtung in Felsrinne

Den Blick suchend in die Felslandschaft gerichtet und die Kamera immer griffbereit, zirkelten wir immer höher. Irgendwann endeten dann auch die Spuren an einer 30 m hohen Felswand. Ringsum trafen sie auch nicht mehr auf den feinen Pulverschnee. Batra vermutete die Tiere am ehesten in einer der vielen Felsrinnen und Aushöhlungen. Um diese irgendwie einsehen zu können, mussten wir auf einen seichteren Bergschrund hinaufklettern um auf gleiches Höhenniveau zu gelangen. Wir agierten mit äußerster Vorsicht, soweit das in dem brüchigen Gestein überhaupt möglich war. Im Moment als wir uns auf einer abschüssigen Felskante postieren wollten, müssen wir einen in der Sonne ruhenden Schneeleoparden aufgeweckt haben. Keine 50 m entfernt von uns, in einer dieser Felsrinnen konnten wir gerade noch den Rücken und den markant langen Schwanz ausmachen, bevor der Leopard unter tosendem Gepolter von Steinen einen Steilhang hinauf davonpreschte. Es ging alles so blitzschnell, dass ich nicht einmal ansatzweise in der Lage war die Kamera in Position zu bringen. Nur die Staubwolke blieb mir übrig zu fotografieren. Immerhin!
Der Hang lief auf unseren Grat zu, sodass wir versuchten weiter hoch zu klettern, um ihn vielleicht noch einmal irgendwo aufzustöbern. Noch einmal weitere 2h versuchten wir unser Glück, doch eine weitere Sichtung blieb uns verwehrt. Voll von Eindrücken und Freude über das Erlebnis kehrten wir zurück in unser Lager.

Blue- Goat-Nationalpark

In einer zweiten Aktion fuhren wir nahe an die Chinesische Grenze in den sogenannten Blue- Goat-Nationalpark. Ausgangspunkt für Erkundungen ist die Ortschaft Delüün, wo die Nationalparkbehörde ihren Sitz hat. Diese Gegend ist auch berühmt für ihre stolzen Adlerjäger. Diesmal wohnten wir nicht in einer Jurte, sondern bei einer Familie im festen Wintersitz auf über 2500 m. Der Hausherr selbst war einer der lokalen Inspektoren, der auch schon beim Besendern eines Schneeleoparden mitgewirkt hat. Stolz präsentiert er uns in seiner Wohnküche das Foto von sich und dem betäubten Leopardenweibchen.

Fotofallen

Am nächsten Tag folgten wir unserem Gastgeber weit hinauf in ein Tal, was wir am Vortag schon als vielversprechend ausgemacht hatten. Unterwegs trafen wir einen Hirten, der uns zwei frisch gerissene Yak-Jungtiere zeigte. Das waren definitiv Schneeleoparden. Angeblich gab es zu dieser Zeit in der Gegend bis zu fünf Pärchen. Ich fragte, wie die Hirten mit den Verlusten unter dem Vieh umgehen oder ob es Versuche gibt sich zur Wehr zu setzen. Schneeleoparden werden wie alle anderen Tiere verehrt und geachtet – die Gesetze der Natur seien nun einmal so. Wir bogen ab in ein enges Flußtal und stiegen wieder über Terrassen bergan. Wir waren auf der richtigen Spur, denn weiter oben an unserem Rastplatz fanden wir eine Fotofalle. Das Wetter wurde rauer und von unserer Behausung waren wir nun schon gute 10 km entfernt. Banu war müde und wollte schon umkehren, aber ich wollte noch nicht aufgeben. Der Inspektor, Mukha und ich gingen weiter. Eine zweite Kamera, eingebaut in ein Steinmännchen fand sich einen weiteren Kilometer flußaufwärts. Ich wollte noch weiter. Wieder die typischen Hinweise: Kratzspuren, Kot und Duftsekrete an Felsen. Bei der dritten Fotofalle war der Inspektor selbst neugierig und wir beschlossen diese zu öffnen. Wir hatten natürlich keine Möglichkeit die Bilder runterzuladen, aber wir konnten sie wenigstens auf einer meiner Kameras anschauen und gegebenenfalls abfotografieren. Gesagt, getan. Es waren ungefähr 300 Bilder auf der Karte, die etwa 2 Wochen vorher gewechselt wurde, soviel wusste der Inspektor. Zunächst sahen wir Ziegen und Schafe, die durch das Bild tappten. Doch plötzlich stockte uns der Atem. Die Nahaufnahme von hellgrau-beigem Fell mit den typischen schwarzen Rosetten stach uns ins Auge. Verdammt nochmal – was für ein Glücksmoment.
Wir klickten weiter, und nach und nach kamen auch tolle Tag-sowie Nachtaufnahmen von prächtigen Schneeleoparden. Ich schätze, dass ungefähr 120-150 Bilder von Schneeleoparden aufgenommen wurden, darunter Einzelgänger, Pärchen und auch einmal drei Tiere gleichzeitig. Schon allein das war für mich einer der stärksten Momente der gesamten Reise. Überglücklich kehrten wir gegen Abend zum Haus des Inspektors zurück. Auch wenn wir die prächtigen Tiere nicht in natura sehen konnten, zu wissen, dass er hier lebt und sich zunehmend wieder vermehrt, stimmt mich doch sehr froh.

Stefan Hilger

PS: dieser und weitere Artikel zu Schneeleoparden finden sich auch im Fotomagazin NaturFoto (Ausgabe 10/17)

Folgt selbst den Spuren der Schneeleoparden der Westmongolei

 

No Comment

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Per Rad von Dresden in die Mongolei 7 - Kasachstan
Per Rad von Dresden in die Mongolei 8 - Mongolei

MENU

Back

Share to