Kamtschatka – Natur- und Trekkingparadies am Ende der Welt

Naturgewalten im äußersten Zipfel Russlands

Noch bis Mitte der 1990er Jahre war Kamtschatka militärisches Sperrgebiet. Die östliche U-Boot-Flotte der Sowjets hatte in der Awatscha-Bucht ihre Seebunkeranlagen. Ab 1996 kamen die ersten ausländischen Touristen auf die Halbinsel, die aber nur per Schiff oder Flugzeug erreichbar ist und somit Inselstatus genießt. Die Anzahl der Touristen, die heute, vor allem während der Sommermonate in Petropawlowsk-Kamtschatski aufschlagen sind beachtlich. Der Tourismus ist zu einer bedeutenden Einnahmequelle für die Einheimischen geworden. Mittlerweile gibt es schon Engpässe bei den sehr raren Plätzen in den wenigen Fliegern, die den längsten Inlandsflug der Welt von Moskau bis Petropawlowsk abwickeln. Im Sommer findet ein gewisser Austausch der Bevölkerung statt: während der acht Wochen Schulferien fliegen russische Familien aus Kamtschatka via Moskau in den Süden. Zurückbleiben die touristischen Dienstleister, Studenten, Fuhrparkbesitzer und Kraftfahrer die dann in 3 Monaten ordentlich Kasse machen. Ab Juni setzt der Strom an Abenteurern, Wissenschaftlern, mutigen Urlaubern und Saisonarbeitern ein.

Hier meine persönlichen Top-5-Highlights, die ich Euch für Eure Reise nach Kamtschatka empfehle:

Das grüne Herz: Nalychevo-Naturpark

Nicht weit von der Hauptstadt entfernt befindet sich dieser wunderbare Landstrich, der umgeben ist von namenhaften Vulkanen wie Schupanowski (2958 m) oder Korjakskaya Sopka (3456 m). Im weiten grünen Tal befindet sich die gleichnamige Siedlung Nalychevo – ein traumhaftes Hüttendörfchen mit etlichen heißen Quellen. Von hier bieten sich schier unzählige Möglichkeiten für kurze und längere Unternehmungen. Abends sitzt Du gemütlich in unterschiedlich heißen Quellbädern und entspannst.

Eine Zweitagestour mit Übernachtung an den Talowski-Quellen bringt Euch zum aktiven Vulkan Dzendzur (1450 m). Vom nördlichen Rand der weitläufigen Caldera schaut Ihr quasi in ein Land vor unserer Zeit. So muss es in der Urzeit ausgesehen haben: totale Wildnis, der flache Rest des Urvulkans Maly-Semjatschik, der immerzu rauchende Karymski und weitere Kegel in atemberaubender Landschaft. Aus dem Tal hinaus führt eine wunderbare Trekkingtour über die Hochtundra hin zum Awatschinski-Pass und zu einem weiteren must have…

Der Hausvulkan von Petropawlowsk: Awatschinskaya Sopka (2750 m)

Die Besteigung des Vulkans habe ich noch gut in Erinnerung. Es ist eine prima Tour zum Ankommen. Der sogenannte Somma-Vulkan wächst aus einer riesigen Caldera eines viel älteren Vulkans heraus. Man kann dies sehr gut nachvollziehen.

Der Spaziergang auf dem Kraterrand ist einfach nur abgefahren: Gesteins- und Ablagerungsfarben von tief rot bis leuchtend gelb, der verkohlte schwarze Pfropfen des Doms, der wie ein Ventil die unterirdischen Gewalten zurückhält. Der Krater misst einen Durchmesser von ca. 350 m. Vom Kraterrand hatte ich einen herrlichen Gesamtüberblick über Petropawlowsk, die Awatscha-Bucht, rüber zum komplexen Schupanowski und natürlich zum über 3000 m hohen Gegenspieler Korjakski, der zum Greifen nah erscheint.

Abgesehen von kleineren oder besser gesagt immerwährenden Scharmützeln, war es seit dem letzten großen Ausbruch 1991 eher ruhig. 

Immer im Duett: Vulkane Goreli und Mutnowski

Diese Doppelexpedition avanciert zum Klassiker. Schon allein die Anfahrt hinauf zur Hochebene der beiden Vulkane ist abenteuerlich und spektakulär zugleich. Die vulkanischen Urgewalten sind hier deutlich zu spüren. Nicht umsonst gibt es dort oben ein altes Geothermalkraftwerk.

Der Goreli ist einfach zu besteigen. Allein der Blick von seinen Flanken hinüber zu Mutnowski und Wiljutschinski sind alle Mühen wert. Der Goreli selbst vereint fünf jüngeren Stratovulkanen, die aus einer riesigen Caldera herauswuchsen. Im Gipfelbereich befinden sich heute allein 11 Krater, an den Flanken weitere 30!

Den Mutnowski zu besteigen macht keinen Sinn, in den Mutnowski geht man hinein. Durch eine Bresche an einer der Flanken gelangst Du in das Innere des komplexen Kratersystems. Es scheint als wäre man unterwegs zum Ursprung allen Lebens. Was für eine Gänsehauterfahrung!

Schon von weitem her hört man es zischen, pfeifen, blubbern und krachen. Gelbe Schwefeldome stehen wie riesige Pilze in der Landschaft und veranstalten ein stinkendes Pfeifkonzert. Kochender brauner Schlamm blubbert und köchelt vor sich hin. Passt auf, wo Ihr hintretet. Im zweiten Nebenkrater kalbt ein gewaltiger Gletscher in einen türkisen Säuresee. Der letzte erreichbare Krater erscheint wie die Höllenpforte. Unzählige dampfende Düsen scheinen den Vulkan zu entlüften. Kurz und gut – der Mutnowski ist ein riesiger Dampfkessel.

Superlative: Trekking im nördlichen Vulkangebiet

Abenteurer und kühne Trekkernaturen finden im Gebiet um Tolbatschik und Kljtschewskaya Sopka ein wahres Eldorado. Packt Eure Rucksäcke und seid mind. 7 Tage autark in wilder Tundralandschaft unterwegs. Alles beginnt mit dem Aufstieg zum Kraterrand des Ploski (flachen) Tolbatschik (3100 m). Ein irres Erlebnis. Der Blick in den 400 m tiefen (1700 m im Durchmesser) Krater ist grausig bis kribbelnd. Der Rundumblick zeigt die nächsten Tage und lässt die gewaltigen Dimensionen ansatzweise erahnen. Unterwegs nutzt Ihr die Hütten in Tolud und Plotina bzw. zeltet in deren Umgebung.

Ein besonders schönes Lager befindet sich zwischen den Kratern Jupiter und Mars. Ein Wasserfall gibt frisches Wasser. Damals im Spätsommer hatte ich etliche Bärenkontakte auf dieser Route. Nicht gefährlich, aber dennoch aufregend. Bedrohlich und schauderhaft rückt die schwarze Pyramide des Kljutschewski immer mehr ins Bild. Zudem stehen mit Bezymianny, Kamen und Uschkowski gleich noch weitere Hochkaräter in unmittelbarerer Szenerie. Vulkanischer Nervenkitzel at it´s best.

Wow, hier beherrscht die Natur den Menschen. Der Trek selbst ist nicht sonderlich schwierig, doch der Rucksack wiegt anfangs schwer. Alte Lavarinnen sorgen für ein ständiges auf und ab. Bei Nebel empfiehlt sich dringend ein GPS mit entsprechender Route. Für mich ist der Spätsommer die ideal Zeit für diese Tour. Der Herbst taucht die Landschaft in die schönsten Rot- und Gelbtöne.

Bären, Lachse und Vulkane: Legendärer Kurilensee

In den ersten Jahren nach Öffnung war der See noch völlig unberührt von Touristen. Es war schwer hinzukommen. Noch heute gibt es fast nur den Hubschrauber. Wer etwas Zeit mitbringt und mal noch andere Aspekte, wie die Küste des Ochotskischen Meeres und seine alten Fischereisiedlungen sehen möchte, macht sich auf eine dreitägige Tour entlang der Westküste der Halbinsel in den Süden. Wer kann schon von sich behaupten mit einem Schwimmpanzer über eine Meerenge übergesetzt zu sein?! Ich hatte damals auch das Glück Seerobben und Stellersche Riesenseeadler an der Küste zu sehen.

Der zweitgrößte See der Halbinsel stellt den Lebensraum für ein Drittel aller pazifischen Lachse dar. Diese kommen den Fluss Osernaja vom Meer hinauf, um im See zu laichen. Für die Kamtschatka-Bären das gefundene Fressen. Zwischen Juli und September erlebt Ihr ein sensationelles Spektakel. Bären in 5 m Abstand – Auge in Auge. Über 3 Millionen Lachse und scharenweise hungrige Bären mit ihrer Kinderschar! Nehmt zwischendurch auch mal den Kopf hoch, weg vom Sucher Eurer Kamera – auch wenn es schwerfällt.

Eine fünfteilige Reportage über unsere Abenteuer auf der Halbinsel aus Feuer und Eis ist dann ab 16.07.18 jeden Abend um 19:50 im MDR zu sehen. Viel Spaß beim Reinschauen. 

Reportage vom mdr/BIWAK

Viel Spaß.

Euer Stefan Hilger

 

No Comment

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Armenien im „Kleinen Kaukasus“ – vergessen oder noch unentdeckt?
Weihnachten in Armenien

MENU

Back

Share to