Vom kirgisischen Dach der Welt ins Tal der Elbe nach Dresden

Per Pferd zum Pik Lenin ABC
Trekking in Aksu-Sabakh
Skilanglauf Alpen
Urlaub Ala-Archa-Nationalpark
Skilanglauf Alpen
Sommer am Pik Petrovsky
Pik Lenin Basislager unter Sternen
Pik Lenin Basislager
Brücke in Kromlau
Klettersteig Häntzschelstiege
Bastei-Brücke Sächsische Schweiz
Im Büro beim Dresdner Reiseveranstalter DIAMIR
Wunderschönes Dresden im Abendlicht
Zertifikate im Basislager Pik Lenin

Bericht über eine Reise zwischen den Welten

Der Sommer in den Bergen Kirgistans war eigentlich schon zu Ende. Die ersten Schneeregen-Schauer zogen schon durchs Tal von Achyk-Tasch, die Blumen auf den Hochwiesen des Pamir waren längst verblüht. Da kam Ende August 2015 doch noch ein Kleinbus mit Touristen in unser Basislager am Pik Lenin geholpert. Eine deutsche Reisegruppe mit einem Fernseh-Team. Unsere letzten Gäste für dieses Jahr, das wußte ich.

Was ich noch nicht wußte: Daß dieser Tag mein Leben verändern würde.

Wer ich bin?

Ich bin Kristina Nediuk, ich bin 21 Jahre alt, und ich komme aus Kirgistan. Ich bin 1997 in Osch an der Seidenstraße geboren und habe dort meine Kindheit verbracht. Berge haben mich damals nicht sonderlich interessiert: Mein Paradies war der Garten meiner Oma mit den Kirschbäumen und den Uruk, das sind aprikosen-ähnliche Früchte, die nur bei uns zuhause in Zentralasien wachsen. 11 Jahre lang bin ich zur Schule gegangen, so wie jedes Kind in Kirgistan. Ich habe im Kirchenchor gesungen und ich habe als 9jähriges Mädchen von meiner Mama gelernt, wie man Borschtsch kocht.

Das Basislager am Pik Lenin ist ein guter Ort, um ein bißchen von der Welt kennenzulernen. Seit 2014 arbeite ich dort jedes Jahr im Sommer drei Monate lang als verantwortliche Managerin für die Touristen aus dem Ausland. Die meisten kommen aus Spanien oder aus dem deutschsprachigen Raum. Was eigentlich als Job gedacht war, um mir ein Studium zu finanzieren, wurde ein Stück weit zur Schule fürs Leben. Ich lernte in den Bergen die grenzenlose Schönheit meiner Heimat kennen. Das Leben in den Jurten, das Glitzern des ewigen Schnees auf den scharfen Gipfelgraten des Pamir. Es ist kein Scherz: Wir Kinder in Kirgistan haben in der Schule nichts über unsere Berge gelernt, die meisten wissen gar nicht, dass wir so schöne und hohe Berge haben. Umso mehr hat mich gewundert, wie viele Touristen aus Europa kommen, um unsere Berge zu sehen. Und zu besteigen. So wie an diesem trüben Tag im August, als ich die deutsche Film-Expedition im Basislager begrüßen durfte.

Es war eine besondere Gruppe, denn der Expeditionsleiter Markus Walter aus Dresden ist der Geschäftsführer unserer Partner-Agentur DIAMIR. Für eine Besteigung des Pik Lenin war es schon viel zu spät im Jahr. Aber die Fernsehleute um den Moderator der Sendung BIWAK, Thorsten Kutschke, wollten keinen 7000er besteigen. Sie wollten unser Land sehen und seine Geschichten ergründen. Drei Tage lang sind wir gewandert, haben Pferdehirten in ihren Jurten besucht, haben über die ehemalige Sowjetunion geredet (die ich ja nur aus den Geschichtsbüchern kenne) und über das alltägliche Leben in meinem Heimatland, über die paradiesischen Landschaften genauso wie über Armut und über die allgegenwärtige Korruption.

Tourismus als Chance für Entwicklung in Kirgistan

Längst habe ich begriffen, welche Chance der Tourismus für mein Land sein kann: Alle, die den langen Weg auf sich nehmen, um die Edelweiß-Wiesen und die Gletscher des Pamir zu bestaunen, fahren reich beschenkt in ihre Heimat zurück. Aber bis auf wenige private Agenturen wie meinen Arbeitgeber Central Asia Travel kümmert sich kaum jemand um die Entwicklung eines nachhaltigen Tourismus in den zentralasiatischen Bergen und Steppen. Dabei wäre das DIE Chance für unser Land: Um Arbeitsplätze zu schaffen, um Gäste nach Kirgistan zu locken, um internationale Beziehungen aufleben zu lassen…

Ich bin ein klein wenig stolz, dass die Deutschen meine Englischkenntnisse loben. Ich habe hart dafür gearbeitet, mir diese Sprache anzueignen. Nur 5 Prozent unserer Bevölkerung können eine Fremdsprache, aber natürlich ist das auch eine wichtige Voraussetzung, um ein guter Gastgeber zu sein!

Meine Reise nach Europa

Ein paar Monate später schreiben mir die neuen deutschen Freunde, dass der Film über die Pamir-Berge im deutschen Fernsehen fast 1 Million Zuschauer hatte. Das finde ich verrückt, aber es macht mich auch ein bißchen stolz. Und was mich sprachlos macht vor Glück, das ist eine Einladung von Markus Walter und Thorsten Kutschke. Sie möchten sich für meine Hilfe bei den Filmarbeiten bedanken und laden mich für 10 Tage zu einem Besuch nach Deutschland ein. Jetzt wollen sie mir IHRE Heimat zeigen. Und Markus möchte mir zeigen, wie ein deutsches Touristikunternehmen arbeitet.

Ich war noch nie in Europa. Und meine Hoffnungen auf diese Reise sterben, als ich im Dezember 2016 an der Deutschen Botschaft in unserer Haupstadt Bishkek das Visum verweigert bekomme. Weil ich (mit 19 Jahren!) noch nicht verheiratet bin, keine Immobilien, keine Kinder oder keine kranke Mutter habe, gäbe es keine Sicherheit, dass ich zurückkehre, sagt man mir. Punkt! Aus! Keine Chance! – Der Traum ist aus, denke ich mir traurig. Aber es war ein schöner Traum.

Vier Wochen später sitze ich im Flugzeug. Von Bishkek über Moskau nach Dresden! Markus und Thorsten haben eine Bürgschaft für mich übernommen – und nun darf ich doch fliegen! 12 Stunden bin ich unterwegs und todmüde, als ich ankomme. Bin ich wirklich hier? Oder träume ich das nur? Die abendliche Stadtrundfahrt ist wie ein Spaziergang durch einen Märchenwald. Die Semperoper, der Zwinger, die Elbe, der Canaletto-Blick – das muss ein Traum sein! Soviel Schönheit kann nicht von dieser Welt sein. Ich bin berauscht, ich bin sprachlos – und ich bin auf den ersten Blick verliebt in diese wundervolle Stadt.

Jetzt, wenn ich das erzähle, liegt dieser Abend schon länger als ein Jahr zurück. Aber ich werde keinen einzigen dieser 10 wundervollen Tage jemals vergessen. Diese Stadt im Winterkleid, ein Traum! Menschen, die auf den Elbwiesen mit Skiern zur Arbeit laufen, wie witzig! Meine Gastgeber sagen mir, das gäbe es nur einmal aller 20 Jahre. Ich mag es gar nicht glauben, ich kenne Winter aus meiner Heimat nur mit Schnee und grimmiger Kälte. Und meine Gastgeber können nicht glauben, wie sehr ich über die vielen Bäume in Deutschland staune… Ja, lachen Sie nur! Aber bei uns in den Steppen gibt es nur Wiesen und endlos weite Horizonte. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Bäume gesehen! Und ich habe noch niemals so etwas Schönes und Geheimnisvolles erblickt wie die Felsen der Sächsischen Schweiz. Ich stehe atemlos auf der Bastei. Ich klettere auf die Schrammstein-Aussicht und treffe den alten Bergsteiger Volker Krause aus Hohnstein, der zu DDR-Zeiten als Expeditionsleiter in meiner Heimat war, in „meinem“ Basislager des Pik Lenin – und sogar auf dem Gipfel! Ich stehe sprachlos vor dem „Blauen Wunder“. Ich genieße die offenherzige Neugier der Menschen in der bunten Neustadt.

Mein Leben heute

Heute wohne ich in dieser Neustadt, für ein halbes Jahr bin ich diesmal zu Gast in dieser schönen Stadt. Ich habe gerade an einer Dresdner Sprachschule meine Prüfung zum Level B1 der deutschen Sprache bestanden. Ich bin stolz, denn dies ist eine sehr, sehr schwere Sprache. Aber ich möchte sie verstehen lernen. Und ich möchte sprechen lernen. Ich möchte die Menschen kennenlernen in Deutschland und in Dresden. Und ich möchte sie eines Tages einladen, meine Heimat zu besuchen.

Gerade bin ich dabei, mich für ein Studium an der TU Dresden zu bewerben. Ich weiß, dass Studien-Abschlüsse in Deutschland eine hohe internationale Anerkennung finden. Mit meinem Diplom und meinem Wissen möchte ich in Zukunft helfen, den Tourismus in meinem Heimatland weiter aufzubauen. Wir haben nicht „nur“ den Pik Lenin in Kirgistan, wir haben auch die wunderbaren Berge des Tien-Shan, wir haben den märchenhaften Issyk-Kul-See, wir haben den Nationalpark Ala-Archa direkt vor den Toren unserer Hauptstadt, wir haben Kulturgeschichte entlang der Seidenstraße, wir haben die Bücher von Tschingis Aitmatow und: wir kochen fantastisches Essen! Es ist mein großer Traum, als Guide in meinem Land zu arbeiten. Und deshalb freue ich mich sehr, dass ich jetzt die Möglichkeit bekomme, im Dresdner Büro von DIAMIR-Erlebnisreisen ein kleines Praktikum zu absolvieren, um die Bedürfnisse europäischer und deutscher Touristen kennenzulernen.

Schon in diesem Sommer werde ich selbst wieder am Pik Lenin sein. Weil ich meine Heimat und meine Arbeit liebe. Und ich hoffe, ich kann dort auch mit vielen deutschen Touristen weiter meine Sprache verbessern, bevor ich dann wieder ein Visum beantrage – diesmal für das Studium in Dresden.

Es ist ein Geben und Nehmen. Ein Leben zwischen den Welten, das mir Tag für Tag neue Horizonte eröffnet. Eine Reise, für die ich sehr dankbar bin. Und für die ich eines Tages etwas zurückgeben möchte. Denn glaubt mir: Schneeregen wie am Ankunftstag des deutschen Filmteams haben wir in Zentralasien wirklich nur selten! An den meisten Tagen scheint strahlende Sonne über unseren majestätischen Bergen. Das „Dach der Welt“ wartet auf Euch – und ich bereite mich fleißig darauf vor, es Euch eines Tages zeigen zu dürfen.

Eure Kristina Nediuk

Unter folgenden Links könnt Ihr noch mehr über Kirgistan und mich erfahren:

BIWAK im Pamir

Reisen nach Zentralasien

Meine Heimat-Agentur

Lest auch die Beiträge zu den Radtouren in Zentralasien: Kirgistan und Pamir-Highway

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