Giro d’Albania – Radurlaub in Südalbanien

Was sind schon zwei Wochen in einem Land, welches man zum ersten Mal bereist? Das kann nur ein Kratzen an der Oberfläche sein. Aber diese Oberfläche ist in dem relativ kleinen Land Albanien so atemberaubend schön, dass es auf jeden Fall Lust auf mehr weckt…


Einmal mit dem Fahrrad durch Südalbanien radeln. Durch die Gebirgswelt im Grenzgebiet zu Griechenland bis an die ionische Küste und dabei noch auf mazedonischer Seite den Ohridsee umrunden – dies war mein Plan. Und ja, ich war allein als Frau in diesem Land unterwegs. Was die Mehrheit meiner Familie mal wieder die Hände über dem Kopf zusammen schlagen ließ…
Doch Reiseführer und Erfahrungen anderer Reisender vermittelten Sicherheit, auch für allein reisende Frauen. Das stand natürlich mal wieder im Gegensatz zu dem, was uns die Medienlandschaft in Deutschland täglich präsentiert…
Nun nach zwei Wochen im April 2018 konnte ich ein durchweg positives Fazit ziehen: Ich habe die Albaner als äußerst gastfreundlich erlebt und mein Gruß im Vorbeiradeln wurde auch immer freudig erwidert.

Meine Route

In 9 Radetappen habe ich insgesamt knapp 600 Kilometer zurückgelegt. Begonnen habe ich meine Tour in dem kleinen Ort Perrenjas kurz vor der Albanisch-Mazedonischen Grenze am Ohridsee. Entlang des Nordufers ging es dann zunächst in die wundervolle Stadt Ohrid, wo ich mich zwei Tage aufhielt. Dann gen Süden immer am See entlang bis nach Pogradec. Hier verließ ich das Seeufer und fuhr weiter Richtung Süden durch das Gramozgebirge mit den Etappen Korca – Germenj – Permet – Gjirokaster und schließlich Sarande am Mittelmeer. Dann folgte ich dem Verlauf der Steilküste auf vielen Serpentinen auf und ab wieder gen Norden. Nach der atemberaubenden Panoramastrecke auf den Llogara-Pass (ca. 1000 Höhenmeter) ging es dann auf in relativ flachem Gelände noch bis nach Berat (UNESCO). Hier endete meine Fahrradtour durch Südalbanien.

Eigenwilliges Albanien

Das Land, das sogar noch etwas kleiner ist, als unser Bundesland Brandenburg und gerade mal knapp 3 Millionen Einwohner zählt, reiht sich in die Balkanstaaten ein. In der bewegten Geschichte der letzten 100 Jahre hat es oft eine Sonderstellung eingenommen. So gehörte es zum Beispiel nie in das künstliche Staatsgebilde Jugoslawien unter Tito. Trotz Nationalstolz und Streben nach Unabhängigkeit, wurde es leider auch mehr als einmal zum Spielball der Großmächte. Die wohl finsterste Zeit für die Menschen herrschte unter dem Diktator Enver Hoxha bis 1985, der auf Grund seiner Paranoia das Land mit Bunkern zupflasterte, einen Überwachungsstaat etablierte und es in die Isolation trieb. Seit 1990 geht nun Albanien den Weg der freien Marktwirtschaft und ist seit 2014 offizieller Beitrittskandidat der europäischen Union. Als Ex-DDR Bürger sehe ich hier so manche Parallelen…

Bella Italia

Die Liebe zu Italien ist überall spürbar. So schmeckt der Espresso in Albanien für mich genauso gut wie in Italien selbst und die viele vor allem junge albanische Restaurantbesitzer widmen sich der italienischen Küche. Während der Zeit des Kommunismus, in der Präsident Enver Hoxha das Land systematisch abschottete und isolierte, hatte man oft nur die Möglichkeit, über den Empfang italienischer Fernsehsender informiert zu sein. So lernten die Albaner relativ mühelos italienisch. Sie sind überhaupt große Sprachtalente. Ihr Alphabet besteht aus stolzen 36 Buchstaben und wenn man den Gesprächen lauscht, glaubt man Worte aus der englischen, der italienischen oder auch türkischen Sprache zu hören.

Die Straße…

…war auf den meisten Abschnitten von bester Qualität. Nur bei einigen Bergpassagen kommt man offensichtlich nicht immer hinterher, die Schäden zu beseitigen, die im Winter oder Frühjahr entstehen. Da kann schon mal die Asphaltdecke ein paar Meter neben der eigentlichen Straße liegen und zurück bleibt eine Schotterpiste.
Die Straße erlebte ich in Albanien nicht nur als ein Asphaltband, sondern hier spielte sich voll das Leben ab. Schäfer sitzen meist auf einem Stein in Straßennähe und behalten ihre Tiere im Auge, so manches Unfallauto steht einfach am Straßenrand, streunende Hundegruppen suchen hoffnungsvoll nach Essensresten von Autofahrern, kleine Minikirchenmodelle geben Gottes Segen für den Reisenden und jeden Tag fuhr ich an mindestens 5 aufwendig gestalteten Grabmählern vorbei. Da es in den Bergregionen kaum Fußwege gibt, laufen die Menschen in den Dörfern auf der Straße und auch deren Tiere wie Pferde, Esel, Kühe, Ziegen und Schafe. So ist es ein leichtes, beim Reisen auf der Straße mit anderen ins Gespräch zu kommen – wenn man denn die Sprache beherrscht. Denn in den Bergregionen kam ich mit Italienisch leider nicht weit.

It is a men‘ world

Manchmal geht mir bei einem Spaziergang durch eine mir fremde Stadt ein Lied durch den Kopf. In Korca ist es: „This is a men’s world…“ Gefühlt jeder zweite Laden ist ein Wettstudio, Sportwettstudio, Bar mit TV und überall, wirklich überall sitzen Männergruppen drin. Jung und Alt und alles dazwischen. Die Stühle sind meist in eine Richtung gedreht – zum gigantischen Großbildschirm. In Korce musste ich wirklich lange suchen, bis ich ein sehr hippes Restaurant fand, in dem auch albanische Frauen saßen…

Eine Bar ist eine Bar ist eine Bar. Noch níe vorher habe ich in einem Land so viele Kneipen gesehen und dies selbst an den entlegensten oder ungewöhnlichsten Orten. Eine Bar ist in Albanien eine Institution. Jede Fabrik, jede Reparaturwerkstatt, jede Autowaschanlage hat eine eigene Bar. Hier müsste man das Wort eigentlich durch „Kantine“ ersetzen. Es ist ein Treffpunkt – natürlich für die Männer. Hier gibt es einen Kaffee, wovon Albaner täglich mindestens 4 – 5 trinken und hier tauscht man(n) sich aus. Die „Pause“ in einer Bar ist ein wichtiger Bestandteil im Tagesablauf.

Das Fahrrad

Ich war mit einem E-Bike der Marke Giant (Explore E + XC STA) unterwegs, dass ich mir vor Ort in Tirana gemietet hatte. Das Modell war von 2016 und in einem Top-Zustand. Fast wirkte es, als wäre ich die Erste, die damit fährt. Das Fahrrad ist super als Reiserad geeignet. Die 9 Gänge sind perfekt auf die Bedürfnisse eines Radreisenden abgestimmt und die Symmetrie des Fahrrades sehr angenehm. Solch ein angenehmes Mietrad hatte ich bisher noch nicht einmal von einem deutschen Radreiseveranstalter in Gebrauch.

Und wie habe ich mich orientiert? Ich habe die OpenStreetMap-App genutzt mit der Offline-Karte von Albanien. Das GPS-Signal hat immer überall hervorragend funktioniert und die Daten sind sehr detailliert. So habe ich mich durchaus auch mal offroad getraut, um nicht immer nur Straße zu fahren.

Das Fahrrad als Sportgerät zu betrachten, ist in Albanien noch nicht weit verbreitet. Es gibt eine relativ junge Mountainbike-Szene, die vor allem in den Hausbergen der Hauptstadt Tirana sehr aktiv ist und eigenständig Downhill-Rennen auf die Beine stellt. Wer Bock hat, mal mit Einheimischen auf eine Tour zu gehen, dem kann ich gern einen Kontakt vermitteln.

Bonusmaterial

Filmtipps:
„Der Albaner“ (2010, Deutschland, Albanien) thematisiert das harte, entbehrungsreiche Leben in den nordalbanischen Bergdörfern und die Konflikte, denen die heutige Jugend zwischen Tradition und Moderne ausgesetzt ist.

„Sworn virgin“ (2016, Deutschland) erzählt die Geschichte einer einzigartigen uralten Tradition in den Dorfgemeinschaften Albaniens. In bestimmten Situationen durften sich Frauen durch soziale Rituale für das Leben eines Mannes entscheiden, wenn sie ihren Sinn nicht in dem der Ehefrau und Dienerin sahen.

Buchtipp:
Ismail Kadare: „Chronik in Stein“ – literarisches Denkmal an seine Heimatstadt Gjirokaster, Etappenziel der Fahrradtour

Musiktipp:
Saz’iso: „At Least Wave Your Handkerchief At Me“ (2017)
Melancholische Folk-Balladen von virtuosen albanischen Musikern, die der US amerikanische Produzent Joe Boyd unter dem Namen Saz’Iso vereint hat.

Eure Constanze Hauf

PS: Lust bekommen, auf einen Radurlaub in Albanien und nicht so gern allein unterwegs? Schulz Aktiv Reisen hat eine 14-tägige Radreise durch Südalbanien im Programm in kleinen Gruppen bis max. 12 Personen. Weitere Infos gibt es hier.

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