Versteckt hinter den Wolken – Tuschetien

Hinter den Wolken?

Der ideale Startpunkt einer Trekkingtour in den Bergen des östlichen Kaukasus befindet sich im Verwaltungszentrum der Bergregion Tuschetien – Omalo. Um dorthin zu gelangen, sind wir auf einer der atemberaubendsten Hochgebirgspisten in den wilden Kaukasus aufgebrochen. Zunächst per Geländewagen. Ausgehend von der Weinregion Kachetien sind es gute 70km bis Omalo. 70km die es in sich haben, denn der 3000m hohe Abano-Pass ist zu überqueren. Als geeignet und unerschütterlich erwiesen sich die unglaublich wendigen Geländebusse der Marke Mitsubishi-Delica. David, den ich bereits von meiner ersten Reise ins Wolkenreich kannte, war wieder unser Fahrer. Eine sichere Bank! Ich dränge zum zeitigen Aufbruch – wir haben keine Zeit zu verlieren. Wer weiß, was unterwegs wieder ist – immerhin sind wir im Georgischen Kaukasus und nicht auf Panoramafahrt in der Schweiz.

Spannend wird´s wenn…

auf dieser, teils in den Fels geschlagenen Piste ein Fahrzeug liegenbleibt. Im Grunde ist gerade so Platz für ein Fahrzeug. Wir greifen uns an den Kopf als wir LKWs hochscheppern sehen. Nur an ganz wenigen Stellen ist Überholen und Ausweichen möglich. Und so kommt es, dass genau an jenem Tage dann plötzlich nichts mehr geht.
Ein alter Kamaz liegt an einer denkbar blöden Stelle und gibt keinen Mucks mehr von sich. Es hat sich bereits eine kleine Traube um das riesige Gefährt gebildet. Da stehen Fahrzeuge die hoch wollen und jene die herunterkommen, um Ware auf Märkte in Kachetien zu schaffen. Offenbar ist die Radaufhängung einer der beiden hinteren Achsen beschädigt. Jedenfalls steht ein Rad quer zur Fahrtrichtung. Sieht scheiße aus. Wilde Diskussionen, jeder weiß es besser, alles Mechaniker. Für mich das Beeindruckendste dieser Situation: diejenigen, die nun warten müssen, bleiben alle schön ruhig und gelassen. Ob nun zwei, drei Stunden vergehen oder nicht, scheint irgendwie egal – das Schicksal eben. Auch wir sind lange genug im Kaukasus, um solch eine Begebenheit mit Ruhe und Geduld aussitzen zu können. Bei uns in Deutschland wäre sowas undenkbar – da würde wild gehupt, gedroht und wer weiß was für Theater veranstaltet. Nach drei Stunden haben die Jungs das Ungetüm dann soweit geflickt, dass es wenigstens paar Meter weiter konnte, um andere durchzulassen.

Omalo

Vor zwei Jahren war ich Anfang Juni hier, nun ist es Ende August. Angenehme warm ist es und eine herrliche Herbstfärbung überrascht uns. Die umliegende Berge haben zwar ihre Schneekappen über den Sommer verloren, das tut der Schönheit dieser wilden und unberührten Bergwelt keinen Abbruch. Bevor es dann in den nächsten Tagen zu Fuß weitergeht, machen wir für eine Nacht Station im Oberdorf und sind zu Gast bei Davids Eltern im Turm. Die Weiler Tuschetiens sind mehr oder weniger alte Bergfestungen. Jedes Gehöft hat seinen eigenen Wehrturm. Unterwegs treffen wir später auf viele dieser alten Siedlungen mit den typischen Turmanlagen, die zur Verteidigung gegen die größtenteils aus dem Norden einfallenden Plünderer und Lumpen dienten. Auf jeden Fall war es spannend in einer der Turmkammern zu nächtigen. Die Gastgeber bewirteten uns, wie gewohnt von Georgiern, mit überaus schmackhaften Speisen und wie immer von allem viel zu viel. Strom gibt es dort oben nicht mehr und das ist auch gut so. Wir gehen zeitig in die Falle, tanken Kraft. Wer keinen Schnarcher auf der Bude hat, kann gut schlafen. Die haben´s gut!

Ab hier zu Fuß weiter…

Im Grunde haben wir schon gewonnen. Das Wetter ist aussichtsreich und scheint stabil zu bleiben. Im Prinzip wollen wir ab hier bis nach Chewsuretien, der Region hinter dem Atsunta-Pass trekken und wenn man so will, gleich bis zum Kasbek durchlaufen. Möglich ist das. Wir wollen uns aber erst einmal einlaufen und passieren herrliche Bergwiesen und gelangen durch alte Bergdörfer, die größtenteils nur im Sommer bewohnt und bewirtschaftet werden. Nur ganz wenige verbleiben den langen Winter über (von Ende Oktober bis Mai) in den Bergen. Unvorstellerbar, Wahsinn! Für Hauptgepäck, Verpflegung und Zelte nehmen wir uns Pferde. Zudem begleiten uns David (es scheint, als hieße in Georgien jeder Zweite so…) aus Tbilissi sowie Gevi, unser ortskundiger Weggefährte aus einem der Dörfer hier oben. Auch wenn wir uns oft nicht auf die Angaben und Prognosen der Begleiter verlassen können, ist es doch schön sie dabei zu haben. Vielleicht sollten wir das einfach lassen mit den Fragen nach Entfernungen und Zeitvorgaben und einfach loslaufen…soweit uns die Füße eben tragen.

Unterwegs…

treffen wir in den etwas belebteren Abschnitten noch auf Hirten mit ihren Schafs- und Ziegenherden. Einheimische bestellen winzige Felder zwischen Felsen und auf Terrassen der steilen Berghänge. Die Zelte schlagen wir unweit kleiner Bergdörfer auf. Hier gibt es Trinkwasser. Ein georgischer Polizeiposten kontrolliert das Permit für die Durchquerung der Grenzzone. Russland ist hier nur noch 5km Luftlinie entfernt und zu denen haben die Georgier bekanntlich ein gespaltenes Verhältnis. Jetzt wird es spürbar einsamer. Keine Menschenseele weit und breit. Nur noch verlassene Weiler und Ruinen, die die Zeit überdauert haben. Bei Nebel ein definitiv gespenstisches Unterfangen. Ab und an wird ein Fluss durchwatet. Eine feine Unterbrechung des Marsches und Abwechslung bei noch immer sommerlichen Temperaturen tagsüber.

Kurz vorm Pass…

ein wunderbarer Lagerplatz. Dieser wird ganz einfach Kvachida genannt. Nicht nur die traumhafte Lage macht ihn aus. Nein, ein alter Kauz, der ihn bewirtschaftet, hat hier eine Dusche installiert. Für einen Obolus genießen wir eine überfällige Reinigung unserer Leiber. Eine Wohltat und ein Vergnügen mit dem keiner von uns gerechnet hat. On TOP und damit einen oberen Platz in der ewigen Liga der besten Camps verdient – ein kleiner Laden mit Getränken und Lebensmitteln. Vor allem die Getränke schmecken und verdunsten bereits in unseren trockenen Kehlen.

Der Pass selbst…

eine Genusstour mit besten Aussichten. Einer der schönsten Tage während der gesamten Tour, wenngleich recht anstrengend. Gevi, unser Gefährte der mich irgendwie in seiner Art an Gollum aus Herr der Ringe erinnert, muss morgens erstmal die Brücke suchen, die uns wieder auf die rechte Seite des Flusses bringt. Die Jungs agieren noch nach Gespür und nach Erinnerungen. GPS, Karten oder gar Notizen nutzt dort noch niemand. Jedenfalls rennt Gevi gern vorneweg mit seinem kleinen Campingbeutel, um sich dann auf einen Stein zu setzen, um zu rauchen. Er lässt uns rankommen, um dann wieder loszusprinten. Unter Wanderern ein Unding! Wir nehmen es gelassen. Dabei weit wortkarger als sein Pendant aus Tolkiens Werken. Als ich ihn auf Russisch frage, wo die letzte Wasserquelle vorm Pass ist, macht er mir verständlich, dass er Russisch nicht versteht. Egal, es wird auch so gehen. Ich winke ab. Für den Aufstieg haben wir heute besonders gute Beine – verdammt zügig kommen wir voran. Wiesen und Almen wechseln über in einen schottrigen Schlusshang, der sich steil an einen Berg schmiegt. Der Pass ist gut zu sehen. Wir zucken nochmal kräftig an und erreichen zum Mittag den höchsten Punkt unserer Trekkingtour – den Atsunta-Pass (3520m).

Auf Hochmut folgt oftmals…

der lange Abstieg. Wir mussten ja das Camp, was direkt hinter dem Pass liegt auslassen bzw. wir machten dort nur Mittagsrast. Das war wirklich bescheuert. Niemand wusste, was jetzt noch kommt. Vielleicht besser so. Gevi brauchten wir nicht zu fragen. David wusste es auch nicht genau. Seine prognostizierten drei Stunden waren gut gedacht. Hinterm Pass wurde das Wetter schlechter: kühl mit Wind und leichtem Regen. Der Abstieg endlos. Wo sind diese verdammten Pferde? Die hatten uns während der Mittagspause überholt. Am schlimmsten war der finale Abstieg nach Ardoti, der auf schmalem Pfade und steil in ewigen Kehren nur langsam zu Tale führte. Und noch immer keine Pferde zu sehen. Damit auch kein Camp. Mein GPS-Tracker zeigte bereits über 20km. Und es wollte nicht enden. Gevi zeigte noch 3-4 km an. Im Tal ging es dann noch einmal entlang eines reißenden Flusses bis zur Campstelle. Letzter Balanceakt und damit krönender Abschluss des härtesten Tages war ein Baumstamm, der über den Fluss führte. Das konnte doch nicht wahr sein! Wenn da noch einer von uns ins Wasser geklatscht wäre, dann wären sicher rote Linien überschritten gewesen. Abends standen dann 24km Distanz sowie 1000 Meter Aufstieg und sage und schreibe 1800 Meter Abstieg auf der Uhr.

Auf ein Tief folgt unweigerlich…

ein schöner Abend bei Schaschlyk und Wein. Man hat es sich nicht nehmen lassen, uns nach harter Arbeit mit einem Schaschlyk-Grill zu überraschen. Das Grinsen kehrte jäh auf unsere Gesichter zurück. Gerettet! So ist es fast immer. Und wenn wir nicht weiter gemusst hätten, dann würden wir noch heute im Schaschlyk-Zelt sitzen und mit den Georgiern Volksweisen anstimmen und Gläschen mit Tschtscha heben.

Mit besten Grüßen aus dem Kaukasus, Euer

Stefan „Hilde“ Hilger

PS: wer es halbwegs organisiert und in Gruppe mag, der schaut bei den Dresdner Reiseanbietern DIAMIR oder schulz-aktiv-reisen rein.

 

 

 

 

 

 

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